Skip to content

Abschiedslieder

Die Sonne scheint so schön und ich höre Abschiedslieder. Wenn die ersten Blätter bunt werden, dann sollte man jeden Tag in den Wald gehen, sonst ist es gleich vorbei mit dem Indianersommer und man hat's wieder mal verpasst. Und verpassen ist einfach scheiße. Und manchmal bekommt man vom Leben ganz schön eine verpasst. Manch einer wählt daraufhin dann lieber das Nichtleben vor dem Tod, das verspricht das Schmerzrisiko zu minimieren – das Risiko, sich zu freuen, leider ebenso. Der Herbst, Zeit für Abschiedslieder. „Lass sie ziehen“, versuche ich ohne Verkrampfung im Herzen zu denken und zu fühlen. All die Momente, vor allem aber die Menschen. Irgendeiner geht immer gerade. Er vermisst mich nicht, sonst würde er ja nicht gehen. Andere sind ihm wichtiger geworden. Ganz leise, ganz langsam, ganz sacht, wie ein gutes Abschiedslied. Und so sitze ich auf meiner Bank am Waldrand und strecke meine Hände der noch wärmenden Sonne entgegen. Und dem, was da noch kommen möge. Ein erstes Blatt segelt zu Boden, ganz leise, ganz langsam, ganz sacht.

Foto: Wolfram Draht, erhältlich bei OpenDesktop als Bildschirmhintergrund (kostenfrei).

Gedankenwelt am Strand

Hallo, ich bin wieder hier. Es war schön im Urlaub. Ich könnt' schon wieder! Das haben sich auch andere gedacht, merke ich, wie ich so meine vielen Mails aufräume, die ohne mich zuhause aufgelaufen sind. Mensch, hat der Mann einen langen Penis. Er schaut die Frau erwartungsvoll (oder siegessicher?) an. Ihr Gesichtsausdruck ist eher von Schmerz gezeichnet, sie schaut in die Kamera. Sein sehr langer Penis steckt in ihrer Scheide. Sie hat sehr sehr große Brüste. Vor ihrem rechten Oberschenkel ist eine Verpackung hineinfotomontiert. Fünf Zentimeter länger und einiges dicker soll der eigene Penis werden, wenn man das eingeblendete Präparat zu sich nimmt. Kein Wunder schaut die Frau so drein, schließlich ist keine Vagina unendlich lang und bestimmt ist es nicht so angenehm, wenn einem so ein überlanger Penis dauernd so volle Karacho in den Muttermund rammelt. Wie friedlich, ja fast naiv war doch meine Gedankenwelt am herbstlichen Strand. Das Offline-Leben! Ich möchte zurück. Sofort.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Disconnect

„Hallo, ich bin Isa“, stellt sie sich gleich vor. Lächelt fröhlich und bounct ein bisschen herum. Natürlich heißt sie nicht Isa, aber ich nenne sie jetzt mal so. Weil sie mich an Isa erinnert, das Mädchen aus Herrn­dorfs Buch „Bilder deiner großen Liebe: Ein unvoll­endeter Roman“. Als Herrn­dorf wegen seines Hirn­tumors nicht mehr schreiben konnte, erschoss er sich. Das war 2013. Isa bleibt. Und steht nun quasi vor mir. In der Pause des Konzerts stopft sie sich Ohr­stöpsel mit eigener Musik rein, immer in Action, niemals still­stehend versucht sie, alle Leute mit­zunehmen. Erzählt Geschichten über Menschen, die ich auch kenne, und ich kann mir nicht vorstel­len, warum diese Menschen so zu ihr waren, wie sie es berichtet. Ich spüre, dass sie nicht alles erzählt. Sie merkt, wenn sie nervt, dann ent­schuldigt sie sich sehr über­trieben und ist eine Weile ruhig, fällt in sich zusam­men, bis es von vorne losgeht. Sie ist leider total mein Typ, wenn auch viel zu klein. Aber ich spüre sofort, dass da was so sehr nicht im Lot ist, dass meine eigene Zer­brochen­heit dagegen fast schon marginal erscheint. Ich habe dafür keine Kraft. Sie kann nichts dafür. Ich bin höflich, aber dennoch abweisend.

„Wenn ich jetzt auf Männer stehen würde, dann würde deine abweisende Art mich total anmachen“, sagt er. Ich nenne ihn mal Herbert, einfach so, weiß nicht, warum. Schon beim Konzert hat er laut reingerufen, am liebsten Sachen wie „Sieben­achtel­takt!“, um zu zeigen, dass er auch vom Fach ist. Er erzählt mir ungefragt, wie das geht mit dem Flirten. Dass man nie echtes Interesse an einer Frau haben dürfe, denn das wäre nicht anziehend. Alles ein Spiel, ich kenne dieses Gewäsch der Pickup-Artists, die mich als Künstler mit dem selbster­nen­nenden „Artist“ quasi beleidigen, was ihnen aber bums ist, denn Skrupel­losigkeit ist ihre tägliche Trainingseinheit. „Schwänze­versenken“, denke ich. Wie passend zu dieser modernen Mensch-zuletzt-Gesell­schaft, die Frau als Objekt und der Mann als das, was am Penis dranhängt. Und Herbert ist eine arme Wurst, die Auf­merk­samkeit braucht. Ich gebe sie ihm nicht.

Es hat nichts mit ihm zu tun. Ich bin wo anders. Ich habe die Verbindung verloren und möchte alleine sein. Und dennoch gute Live-Musik hören. Das ist mir Paradox genug. Ich schweige und lächle, was soll ich auch tun, ich kann gerade nicht anders. Ich lasse niemanden heran, nicht mal mehr mich selbst. Ich lehne mich zurück mit einer Cola und weiß, dass die Musik wirken wird, auch wenn mich vordergründig nichts erreicht. Ich weiß, dass die Menschen mich dennoch berühren und beschäftigen werden, auch wenn ich alles aussperre. Deswegen gehe ich ihnen lieber gleich ganz aus dem Weg.

So sind wir hier, drei arme Würstchen, weder Töpfe noch Deckel, einfach Geister in paral­lelen Universen des jeweiligen Irrsinns, die zufällig aneinander vorbei­fliegen und jeder weiß, dass der jeweils andere ihm nichts geben kann. Isa fällt vollends in sich zusam­men und geht vor der Zugabe. Ich gehe und lasse Herbert mit seinem Bier und seiner schwanz­lichen Philo­sophie noch mehr allein. Die Nacht ist eisig kalt und in mir wird es immer leerer. Bald werde ich ein weißes Blatt sein, denke ich. Es wird nichts mehr von mir übrig sein; Ich schrumpfe mit jedem Atem­zug. Und dann entwerfe ich eine neue Skizze von meinem Leben, auf eben jenem weißen leeren Blatt. Später: Mit einem Lächeln schlafe ich ein und träume Dinge, an die ich mich nicht erin­nern können werde.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor. Wieder öffentlich: Dieser Text war bereits in einem früheren Blog des Autos zu sehen.

Schubladen

Hallo du! Wir müssen die Welt einteilen. Alles ist schon wieder durcheinander. Wir brauchen Anfänger, Fortgeschrittene, Amateure, Profis. Du musst wissen, wo du stehst. Bist du jetzt Blogger oder Publizist? Autor bist du nicht, das bin hingegen ich, ich hab ja mal was geschrieben, das in Büchern steht, wenn auch nur Teile davon, reicht doch, oder nicht? Ich bin Profi, denn mit irgendwas verdiene ich mein Geld, und wovon man lebt, darin ist man Profi, also bin ich E-Mailer, Meeting-Affe, Grafiker, Programmierer, Kaffeekocher, Langeweiler? Leider weiß ich nicht; bin ich ein Hippie oder Sponti, ach letzteres gibt es nicht mehr. Punk wäre auch eine Idee, nur kann ich die Musik auf Dauer nicht ertragen. Rasta, ach das passt ja, aber mit meinen verbliebenen Haaren reicht es mir nicht mal zum Schlagerstar, überhaupt Musik, was mach ich da? Ist das jetzt Rock oder Pop oder Blues oder Schmus oder Liedermacher? Nein, halt-stopp! Zwar sind Texte deutsch, aber ohne Politik, aber auch kein Deutschrock und kein Hip-Hop, also doch am Besten Singer/Songwriter, auch wenn das seltsam klingt und sich schreibt wie TCP/IP oder AES/EBU, was bei weitem nicht das gleiche ist! Das ginge alles noch, wäre da nicht das Ding mit der Improvisation, also das ist manchmal Pop, manchmal Krautrock, ist es experimentell, oder einfach… wie es ist? Tut mir leid, du hast noch keine Schublade, ich weiß nicht, wer du bist!

Kaugummiautomat

Auf einmal steht er da, der Kaugummi­automat. Und ich habe sie dabei, meine kleine neue gebrauchte Kamera. Sie ist digital, also ist sie nicht „neu“, sondern schon ein Dinosaurier., wie alles digitale Gebrauchte. Ich bin fasziniert, ich drücke ab, aus verschiedenen Winkeln, von nah und von fern. Die Farben, der Rost, und vor allem: Ganz viel Erinnerung. An mich als Kind, an die Bande, die sogar einen Namen hatte. War ein Kaugummi­automat kaputt, dann kurbelten wir ihn leer. Die ekligen, meist runden, manchmal aber auch flach und eckig daherkommenden Chemie­bomben füllten wir dann in einen Schul­ranzen, steckten sie später in unserem Bandenlager in alte Einmachgläser und behandelten sie wie einen erbeuteten Piraten­schatz aus Gold.

Zuhause am Rechner sichte ich meine fotografische Beute. Ich mag, was ich sehe. Und da ich auf dem Weg noch einen weiteren Automaten entdeckt habe, denke ich: Da geh ich nochmal mit der großen Kamera hin. Daraus mache ich eine Serie. Coole Idee! Bis ich das dann google. Das Netz tötet mal wieder: Natürlich hat das schon mal jemand gemacht. Du kannst nichts Neues mehr machen, immer war schon einer da. Das war früher auch so, nur hat es da keiner gemerkt, da niemand auf die ganze Welt mit ein paar wenigen Mausklicks zugreifen konnte. Heute ist hingegen alles da, alles schon gesagt, geschrieben, komponiert und fotografiert.

Der nächste Schritt

Denk nicht an das, was dir fehlt. Du trägst alles in dir, was du brauchst, um den nächsten Schritt zu tun. Der Rest wächst nach, unterwegs. Du kannst weitergehen, wann immer du dich nicht aufhältst. Beppo kehrt die Straße Schritt für Schritt – Weisheit ist ein uraltes Ding, das viele passenderweise erst im Alter ihr eigen nennen können. Den meisten aber bleibt sie erspart. Sei wie Beppo, tu den nächsten Schritt. Deine Straße ist noch lang.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Rasenmähermänner

Ich stehe am Küchen­fenster. Ein Pfann­kuchen zischelt leise. Aus dem Hinter­grund meines Wohn­zimmers dringt unbequeme Musik von Rabih Abou-Khalil. Draußen brummt und summt es. Zwei Rasen­mäher­männer sind unter­wegs. Der eine sitzt auf einem dieser immer irgendwie spiel­zeugartig-albern wirkenden Traktoren. Der andere läuft hinter einer dieser bodennahen Killer­maschinen hinterher, die selber fahren. Alles nieder­mähen, die Puste­blumen und all die anderen, deren Namen einmal Kindheits­erinnerungen waren, die hier so schön wachsen würden. Eine einfache Aufgabe, eine einfache Durchführung, ein einfacher Sinn: Blumen­metzler im Auftrag der Haus­verwaltung. Dann machen sie eine kleine Pause.

Die Rasen­mäher­männer lehnen am Zaun, rauchen, unter­halten sich. Im Hintergrund wird Dreams of a Dying City nun gefühlt lauter, es ist die Version von der Hungry People, die mit dieser schönen Rahmen­trommel. Ich stelle mir das Leben eines Rasen­mäher­manns klar und strukturiert vor. Als Leben ohne große Fragen, aber vielleicht auch ohne große Abwechslung. Im Herbst Laub blasen. Im Winter Schnee fräsen. Im Früh­jahr Blumen metzeln. Doch im Sommer, ja was im Sommer, wie und was ist der Höhe­punkt des Jahres für den Rasen­mäher­mann? Und wie mir über meinen Gedanken ein Pfann­kuchen anbrennt, merke ich: Ich habe keine Ahnung, wie es sich so lebt als Rasen­mäher­mann. Aber von außen sieht es schön aus. Wie mein eigenes Leben vielleicht auch.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Geile Produkte

Ich habe so viele geile Produkte! Irgendwo muss das Geld ja hin. Informationen, Musik, ja selbst Pornos, alles ist dank des Internet wert­los geworden, am Ufer des Daten­stroms weiß man gar nicht mehr, ob man vor lauter kleinen Fischen die großen oder das Wasser noch sieht. Alles ist im Über­fluss da und alle machen fließend mit und ver­schenken sich, in Blogs, in Foren, bei Spot(t)ify, auf YouTube und -Porn. Mein Bauch­gefühl ist manchmal ein Gewitter, wenn ich wieder einen Text verschenke, der nur ein kleiner Fisch ist, der an keine Angel gehen will in diesem Strom, so wie zum Beispiel eben dieser jene eine hier. Aber ich kann es mir leisten, denn das einzige, was ich brauche, ist: Zeit. Und Zeit kommt immer neue, solange bis der Deckel hinter mir zu­ge­macht wird. Anders ist das bei Material, da kommt nix von alleine, deswegen gibt es geile Produkte nicht für umme. Macht nichts, denn ich habe ja so viele geile Produkte! Alle müssen viele geile Produkte kaufen, denn damit kann man noch Geld machen, sonst mit bald nichts mehr. Was den Geist nährt, ist Tand, im Über­fluss und überhand, wir brauchen weniger Sex, dafür: Mehr geile Produkte! Die machen glück­lich, es ist wie es ist, man ist Materialist, isso. Ich glaube nicht an Gott, wozu auch, den kann ich ja nicht kaufen, also hat er keinen Wert, ich glaube an: Geile Produkte! Die Werbung für die geilen Produkte hingegen, die kann man ruhig Foristen und Bloggern überlassen, wenn man ihnen einen kleinen Einkaufs­gutschein als Gewinn verspricht. Oder einfach ein paar Klicks, die sie sich an der Nadel ihrer Zugriffs­statistik hängend dann als kleine Mikro­orgasmen zuführen, die Blogger. Zuwendung, oh ja, bitte, Zuwendung! Das will ich. Ich bekomme ja so viele geile Produkte. Geile Produkte, geile… geile… g-g-g…

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Wachsweich

Auf ganz eigene Art habe ich schon immer das Zerbrochene umarmt. Ich habe es auf eine eigene Art geliebt. An Orten, im Sucher meiner Kamera. In meinen Worten in den hunderten Gedichten, die in Schub­laden leben müssen. In der wüsten und kaputten Literatur eines Bukowski. In der auf verschrottet gemachten Stimme eines Tom Waits. In einem wim­mernden Kurt Cobain; „Jesus don't want me for a sunbeam.“ Geradewegs so, als wäre es not­wendig, das äußere Zer­brochene und Harte zu feiern, um seine Ent­sprechung im Inneren nicht an­schauen zu müssen. Einmal anders: Wachs­weich sein in einer auf hart­gesotten gemachten Welt, zumindest mit sich selbst – das wär's.

Piratenschiff

Ich stelle meine Stiefel auf die Kies­bank und gehe ins Wasser. Die Insel, es sind nur wenige Schritte, es ist nicht tief. Auf der Insel ist viel Kies, da stehen kleine Weiden, die all den Hoch­wassern getrotzt haben. Zwischen den Weiden finde ich im weichen Sand ein Baustellen­hütchen. Oder vielmehr: Einen Hut. Ziemlich groß und schwer. Ich nehme ihn mit, vorne in der Strömung liegen zwei Baum­stümpfe, dort stelle ich den Hut dekorativ hin, stelle mich dekorativ dazu und blicke der Strömung entgegen in die Abend­sonne. Als wir noch Kinder waren, da wäre das nun unser Piraten­schiff gewesen. Wir wären auf den Baum­stümpfen gestanden und hätten mit piepsigen Stimmen affige Kommandos gebrüllt und einen Mords­spaß gehabt. „Klarmachen zum Entern“, hätten wir gerufen, die Insel hätte sich dabei keinen Meter bewegt, aber das hätte uns wenig gestört, vielleicht wäre die Kies­bank das zu erbeutende Schiff gewesen und wir hätten uns mit Gejohle in die Fluten gestürzt. Und auf einmal dieser Gedanke: Warum sind wir heute keine Piraten mehr? Was hält uns? Wir könnten das Beste von beiden Welten haben, das Spiel aus der Kindheit und hinterher das Spiel der Erwachsenen im weichen Sand zwischen den leise wispernden Weiden.

Ich reiße den schweren Bau­stellen­hut hoch und führe das dreckige Ding zum Mund, benutze es als Flüster­tüte und rufe zu dir hinüber zur Kies­bank: „Komm rüber, es ist toll hier!“ Wir könnten doch Piratin und Pirat sein, oder wenigstens ganz kitschig Leonardo und Kate wie in Titanic. Du sagst etwas durch Wind- und Wellen­rauschen und ich verstehe den Ernst unserer erwachsenen Lage: „Geht nicht, Wasser zu kalt.“

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Berge erfahren

Ich habe jetzt auch so ein Bergfahrrad. Also ich hatte früher einmal schon ein Bergfahrrad. Da waren die gerade neu und Eltern kauften ihren pubertierenden Sprösslingen ein ebensolches mit Schutzblechen und Licht, weil engagierte Dorf­fahrrad­laden­besitzer­gattinen dazu rieten, wegen der Sicherheit und der Straßen­verkehrsordnung. Dafür hatte damals niemand einen Fahrrad­helm. Mein Berg­fahrrad war also uncool und ging farblich von Pink in Blau über. Ja, es waren die Neunziger, ja ich war dreizehn. Nein, Mädchen konnte man damit nicht beeindrucken, schon gar nicht neugierig den aufkeimenden Brüstchen in ihrer reinen, unbekleideten Form näher­kommen. Aber man wäre ja auch schon beim Gedanken daran vor Scham und Geilheit gestorben, von dem her war das gut so.

Heute ist es knallgelb, gelber noch als die über mir sengende Sommersonne. Auch ein älteres Modell, aber unendlich breite Reifen, es flutscht wie Sau, keine Schutzbleche, kein Licht, anständig verdreckt, in Betrieb. Und ich düse und ich muss nicht cool sein wollen, die Zeiten sind vorbei. Schön auf dem Pfad bleiben, die Balance halten und Speed geben. Ich biege rasant ein in den kleinen Pfad direkt am Fluss entlang und auf einmal liegen sie vor mir, die nackten Brüste, und bevor ich überrascht sein kann, ist der Moment vorbei und ich muss mich wieder auf den Trail konzentrieren. Später erst komme ich schnaufend zur Besinnung: Mann, das waren keine drei Meter zwischen mir und ihr. Ich sterbe nicht mehr wegen Brüsten, aber das ist noch lange kein Grund zum Frohlocken: Denn das war die kürzeste Distanz zwischen mir und irgendwelchen nackten Brüsten seit schon viel zu langer Zeit. Eigentlich ist das trostlos. Nicht nur eigentlich. Ich steige auf und fahre weiter.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor

Das letzte Navi

Ich stelle mir vor, dass ich mir ein Navi gekauft habe. Eines der letzten Navis, die es noch gibt. Weil entweder die Autos das eingebaut haben, weil ja nun jedes Auto innen aussieht, wie die Kommandobrücke von Raumschiff Enterprise. Oder weil die anderen, die armen Altwagenchauffeure, die machen das einfach mit dem Telefon, heutzutage. Ich stelle mir also vor, ich habe das letzte Navi im letzten Naviladen des Planeten gekauft, im Ausverkauf, für wenig Geld, da es auf absehbare Zeit keine Kartenupdates mehr geben wird. (Also natürlich wird es die geben, aber eben nur für die in Autos eingebauten Geräte, damit man die alten Geräte wegwerfen und sich ein neues Auto kaufen muss.)

Da stehe ich nun also in der sengenden Sommersonne mit meinem Fiat-Safariwagen am Rande eines Nirgendwo und Judith Holofernes singt aus dem Car Hifi: „Ich weiß nicht weiter, ich weiß nicht wo wir sind“, und ich denke: „Jaja, ich weiß, Judith, so ist das im Leben immer wieder.“ Es ist, als würde ich eine weite Ebene überblicken, Flüsse und Wälder sind zu erahnen, aber der Weg dorthin? Unklar. Ich schalte das letzte Navi ein. Es fragt mich nicht nach meinem Ziel. Die neueste Generation Technik – sie fragt den Benutzer nichts, was dieser sowieso nicht wissen kann. Das Display zeigt einen Punkt, meinen Standort, darüber ist eine schmale, eckige Sonnenbrille eingeblendet. Eine sanfte Stimme unterbricht Judiths Gitarrengeschraddel. Der heiße Wind bläst zum linken offenen Fenster rein und zum rechten wieder hinaus. „Folgen Sie dem weißen Kaninchen!“, sagt das Navi. Ein Kaninchen erscheint auf dem Display.

Ich lege den ersten Gang ein und fahre los. „War ich noch nie, war ich noch nie!“, so singt Judith gegen Reifen, Motor und Wind an.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor

Buchstabensuppe

Wenn nur Y, dann X. Wer A sagt, muss auch B sagen. Ich lasse mir doch kein X für ein U vormachen. Das ist das A und O vom kleinen Einmaleins! Kuck mal, draußen die Wiesen und drinnen der Blues. Ich kann tatsächlich das Alphabet auswendig. Ich konnte noch nie gut auswendig lernen, nicht mal in der Grundschule. Mir geht’s eher gut, wenn mein Gehirn spontan schnaggelt. Und nun sitze ich hier und warte auf das Y, damit endlich X. Klar, ich hab nen Knall, aber ich bin nicht allein, wir sind so aufgewachsen. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Erst das neue Fahrrad, dann der Sport. Erst die neue Gitarre, dann das Gottsein. Und dann steht das Zeug alles herum und der angehende Gott sitzt sich den Arsch vor Youtube-Tutorials platt und träumt unzufrieden. Vielleicht ist das das heimliche (Un)Wesen der Generation Y, die vor einiger Zeit durch die Medien getrieben wurde? Das immerwährende Warten auf das noch Bessere, das kommen könnte, während man sein Leben verpasst. Satz mit X: So wird’s nix – Kaffee rein, Arsch hoch, Rockn'Roll!

Foto: Max Braun (CC BY-SA), bearbeitet vom Autor

Der Rucksackberater

Die Gazelle braucht einen Männerrucksack. Der passt einfach besser. Das sagt der Rucksackberater. Naja, stimmt schon denke ich, sie hat schon relativ breite Schultern. Und dass da eine Wespe an der Gazelle verloren gegangen ist, kann man erahnen, als sie den Hüftgurt zunächst etwas zu weit in Richtung Taille ansetzt. Aber der Rucksackberater weiß Bescheid und erklärt eifrig und ausschweifend, wie man einen Rucksack aufs Kreuz montiert, wie man welche Strippen zieht, auf dass das Gewicht auf der Hüfte lasten möge und nicht auf der Wirbelsäule und wie man das Ding belädt, so dass man nicht herumschwankt wie ein Rohr im Wind, dem ein Vogel auf die Spitze geschissen hat. Es stellt sich heraus, dass die Gazelle gerade einen entscheidenden Schritt in ihrem Leben unternimmt: Sie steigt vom teuren Rollkoffer auf den sündhaft teuren Rucksack um. Der Rucksackberater findet die Gazelle bestimmt nicht so übel und erklärt routiniert und ohne Scham, wie das mit dem separaten, belüfteten Fach für schmutzige Wäsche funktioniert. Dann unterbreche ich den Flirt ums Geschäft, ich muss nämlich fragen, ob ich mit meinem Rucksack einfach zur Kasse kann. Also mit dem, den ich mir ausgesucht hab. Ohne den Rucksackberater. Ich fühle mich ganz wohl so, wie es ist. Ohne Flirt, ohne Berater, ohne Dreckwäschefach.

Kontaktspray

Süßlich-chemischer Duft. Damit es wieder flutscht, wenn man was reinsteckt. Kräftig auf beide Teile sprühen, dann einige Male rein und raus. Gleich klingt es wieder gut, kein Kratzen mehr, nur noch flutschige Elektronen. Und dieser Geruch, den jeder Elektronikbastler so gut kennt. Der Geruch alt-ehrwürdiger heißer Geräte, die man liebt und pflegt. Auch wenn der eine oder andere Schaltkreis schon durchgebrannt ist, da muss man dann eben ran mit dem heißen Kolben, der kuriert alles. Das neue Deo aus dem Drogeriemarkt; die geballte Männlichkeit, Muskeln und Testosteron aus der Sprühdose – und doch beißt keine an. Mein Geheimtipp: Kontakt 60, der Klassiker. Hautverträglichkeit dermatologisch von mir getestet und dabei für maximal diabolisch befunden! Duft unwiderstehlich. Wenn sich da keine Kontakte anbahnen, dann weiß ich auch nicht. Hinweis: Funktioniert nicht in Chats, auch nicht über Tinder, benötigt stattdessen Real Life. Nur Mut, nur Mut!