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Herr Zahnruine55

„Nein, wir kaufen jetzt keine Gummibärchen mit diesem Schweine­gelatin­escheiß drin!“, sagt die Mama sehr laut zum Kind. „Über manche Dinge diskutieren wir einfach gar nicht erst!“ Daneben der Typ, der beim Reden Zähne zeigt, die einer mittelalterlichen Burgruine entsprechen. Gleich geht ihre Demo los, für die Legalisierung von Cannabis. Danach werden sie ihr Banner über dem Rathaus-Eingang lassen und in der Menge verschwinden. „Global Marihuana March“ steht nun dort und Herr Zahn­ruine55 kommt sich bestimmt endlich wieder so cool vor wie damals als Teen­ager beim Laternen­austreten.

Ich weiß natürlich nicht, wie alt er ist. Ich schätze ihn also auf 55 und frage mich, was wohl in den Charts war, als er 15 war. Denn die Musik, die man zu Zeiten seiner ersten Liebes­versuche gehört hat, die hat einen Platz im Inneren, ein Leben lang. Später dann zuhause: Das Internet weiß alles. 1976 waren fünfmal ABBA in den Charts, zweimal Boney M., dann noch Jürgen Drews mit Ein Bett im Kornfeld. Das erklärt vielleicht einiges. Stell dir mal vor, das Lied deiner ersten schüchternen Liebe ist Ein Bett im Kornfeld, das begleitet dich dein Leben lang. Darüber kann man regelmäßiges Zähne­putzen natürlich schon durch Dauer­kiffen ersetzen, weil sich letzteres erfrischender anfühlt.

Als der Rathaus­haus­meister das Banner dann nach der Demo abmontiert, etwas arg unsanft, da rauschen die Demonstranten wie die Ratten aus den Löchern und wollen ihn zur Sau machen. „Da kann man doch auch was sagen“, herrschen sie ihn an, sie die verschwunden waren in der Masse, weil sie nicht zu ihrem illegal aufgehängten Banner stehen wollten. Feiglinge. Aber wenn es um ihren Besitz geht, in diesem Fall von einem Banner, dann sind die Hippies gleich auf Hundert.

Und ich denke, ich war immer für die Legalisierung von Cannabis, auch wenn ich nicht kiffe, weil ich finde, dass diese Droge auch nicht besser oder schlimmer als Alkohol ist. Nun steht da der aufgebrachte Herr Zahn­ruine55 vor dem Rat­haus und auf einmal habe ich ein Bild im Kopf: Ein schwankender Alkoholiker schwenkt seine (Alkohol-)Fahne, schnieft durch seine Säufer­nase und wabbelt mit seinem aufgedunsenen Bauch herum – und demonstriert dafür, das Schnaps­brennen von seinen rechtlichen Auflagen komplett zu befreien.

Die Demo zur Legalisierung von Cannabis hat gewirkt: Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich noch dafür bin.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Gefangen im System!

Wenn ich ein Tier wäre, müsste ich nicht kochen. Es würden einfach so leckere Speisen im Wald herumstehen, ich müsste sie nur finden. Ich bräuchte kein Geld und keine Arbeit, das Leben an sich wäre mir Arbeit genug. Anstatt Freizeit wär dann Brunftzeit und anstatt Fernsehen… ach, ich hab ja jetzt schon keine Glotze. Vielleicht mutiere ich schon ganz langsam hinüber. Ich hab irgendwie Lust, raus zu gehen und ohne Schuhe durch den Schlamm zu wühlen und mich an Bäumen zu reiben. Aber nein, es ist ja auch viel zu kalt, als Tier wäre ich außerdem vermutlich nackt, und wer will das schon sehen. Also gehe ich in die Küche und mache Pfannkuchen. Ist irgendwie auch tierisch gut. Und danach geh ich zur Arbeit, damit ich Geld hab, um bald wieder Zutaten für Pfannkuchen zu kaufen. Pfannkuchen sind halt einfach geil. Leider aber ursächlich für mein Problem: Ich bin gefangen im System!

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor. Wieder öffentlich: Dieser Text war bereits in einem früheren Blog des Autos zu sehen.

Fensterbank

Die Tür geht auf, ich sehe einen Streifen Licht, ich schlüpfe hindurch. Die Tür geht zu. Es ist staubig und dunkel in diesem Raum. Große helle Licht­flächen stehen in der Luft, sie fallen quer durch die Szene, heraus aus Fenstern, die an Seiten des Gebäudes sind, hinter denen eigentlich andere Räume sein müssten. Die Dielen knarzen und ich folge den Fußspuren im Staub, die mal hell erleuchtet, mal nur zu erahnen sind. Sie führen zu einem Fenster, das offen steht, und die Fenster­bank ist ganz blank, da liegt kein Staub, nur in den Ecken sind Spuren, die von Händen und Füßen zeugen könnten. Ich lehne mich hinaus und blicke in eine milchige Land­schaft, in der es kein Unten und kein Oben zu geben scheint. Sind meine Vor­gänger wie Geckos an einer Außen­fassade hinaufgeklettert? Oder hinab­gerutscht? Oder einfach davon­geschwebt? Oder ver­schwinden Fenster und Fassade gar, wenn man sich zu weit hinaus­lehnt? Ist die Tür eigentlich noch von innen zu öffnen? Eine hohe, schwebende Melodie klingt ganz leise in der Ferne, ich stelle mir schwingendes Metall vor. Nur drei Töne sind es. Sie wieder­holen sich in vermutlich zufälliger Reihen­folge, aber nie kommen zwei gleiche hinter­einander. Dreitonmusik. Nur drei Töne, alles nur wegen drei kleinen klingenden Tönen, denke ich, als meine Füße die Fenster­bank hinter sich lassen.

Olli, der Hund

Das Kind hat keinen Namen und der Hund heißt Olli. Der Olli bringt Stöckchen, und der kleine Bub befiehlt dem Olli, was zu tun sei. Da aber dabei immer das Stöckchen im Spiel ist, das der Olli ziemlich toll findet, ist nicht herauszufinden, ob der Olli wirklich jemals das tun würde, was ihm gesagt wird. Die beiden freuen sich sichtlich, einander zum Spielen gefunden zu haben. Ich kaue Apfelbrot und hätte lieber heißen Tee als kaltes Wasser. Zwei Stunden Marsch liegen hinter mir – und auch noch vor mir. Ein Novemberherbst, schon zu spät viel Uhr des nachmittags, der Tag wird schon merklich kälter, ein paar letzte Bäume sind hier oben noch bunt und kontrastieren sich mit grauen Ästen und distanziertem Nebel, durch den sich in der Ferne der Turm eines Schlösschens hervortun möchte. Der Olli und der Bub haben zwei Frauen mit dabei, die eine scheint einen Kinderwagen wie einen Rollator zu benutzen. Die beiden Frauen gehen mit gesenktem Blick durch die Natur, von Weitem könnte man meinen, eine tiefe Trauer drücke ihnen auf die Schultern und halte sie gebeugt. Bis man die Großbildschirmtelefone in ihren Händen sieht. Als sie bei mir vorbeikommen, sagt die eine: „Na, dann hätten wir auch hier oben parken können.“ Ein einziges Auto steht in fünfzig Metern Entfernung auf einem sehr großen und sehr sehr leeren Parkplatz. Ich breche auf, die Dunkelheit bricht früh herein in dieser Zeit und es ist noch ein gutes Stück.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Luftlenkräder

Ich bin jetzt ein alter Mann und ich schlürfe einen Milchkaffee aus einem Einmachglas mit Henkel, dessen Aufschrift für eine Limonade von und mit Jack Daniels wirbt. Die Welt hat sich doch seit damals sehr verändert; seit Jack Daniels ausschließlich in Cola vorkam und der einzig bekannte Whiskey einer Landjugend war. Eine auf ihre eigene Art sehr anziehende Frau mit wohlsortierten Haaren, deren Gattungsbezeichnung mir als Frisurenlegastheniker nicht bekannt ist, stapelt Bierkistenbarhocker herbei. Weiter oben sitzen zwei dünne Hipster, ihre Bärte lassen den Weihnachtsmann und die Salafisten alt aussehen. Sie lenken in der Luft herum. Entspannt und sanft wie Piloten und doch fast so konzentriert wie Chirurgen bewegen sie ihre Luftlenkräder, der eine seines zwischen den Knien, der andere das seinige fast unter dem Kinn. Ab und zu wechseln sie Worte, ganz leise, fast bewegen sich nur die Lippen. Elektronischer Chillout-Sound wabert leise kreuz und quer zwischen den Säulen herum. Einen Moment lang glaube ich zu spüren, dass das Leben eine einzige Performance ist. Dada lebt – und ich bin mittendrin.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Aus der Bahn!

„Aus der Bahn!“ So haben wir es gerufen. Mit piepsigen Stimmchen, wir waren kleine Jungs und die Schlitten groß und die Winter weiß und kalt und scheinbar ewig. Auch wenn ich rückblickend nicht mehr sagen kann, ob das nur in der Erinnerung so ist. Und das sollte es bedeuten: Nehmt euch in Acht, hier komme ich angedüst, ich bin nicht zu bremsen! Lasst mir Platz für die rasante Fahrt, ich werde ihn mir nehmen. Gleichzeitig nahm anderes seinen Lauf: Wir lernten Lesen und Schreiben und Rechnen und manch anderes. Das hat zunächst viel Freude bereitet und uns ermöglicht, vieles selbst zu tun, selber größer zu werden. Aber ganz leise schlich sich auch ein anderes Lernen ein: Wir lernten, still zu sitzen und zuzuhören. Wir lernten, nichts zu sagen (zu haben), wir lernten dass die Welt groß und kompliziert und furchtbar wichtig ist. Wir lernten, dass Konsum glücklich macht, dass Fernsehen bildet. Und wie man sein muss, um vielleicht Erfolg zu haben, denn Erfolg muss man haben. Und über all dem wurden viele von uns immer weniger, ihr Korridor für die Schussfahrt auf der Piste des Lebens immer enger und jetzt leben wir, um uns zu betäuben. Sind schon viel zu müde zum Aufwachen, hören unsere Herzen nicht mehr aufgeregt schlagen, spüren keine Traurigkeit mehr, funktionieren dabei aber wie gut geölte Maschinen. Wir haben gelernt und gelernt und gelernt und gelernt, dass alles wichtig ist. Nur was man selbst möchte und fühlt, das ist nicht wichtig. Und so lernt man, sich zu verlieren. Aber manche können damit nicht leben und noch immer hallt es leise und doch so sehnsüchtig im Hinterkopf, wie Winter um Winter hereinbricht: „Aus der Bahn!“ – Hier komme ich!

Wieder öffentlich: Dieser Text war bereits in einem früheren Blog des Autos zu sehen.

Zahnradfabrik

„13 Jahre bin ich da jetzt schon“, sagt er und hustet. Ich putze mir die Nase, schon das unzähligste Mal, seit ich das Wartezimmer betreten habe. So sitzen wir beim Dorfarzt fest und erzählen uns ein bisschen aus unseren Leben, schließlich haben wir uns Jahre nicht gesehen. „Es ist halt immer das Gleiche“, sagt der, der jeden Tag in die Zahnradfabrik geht und Zahnräder macht. Ich weiß nicht, wie er das genau macht und ich kann nicht erklären, was ich eigentlich mache, zumindest nicht so, dass es zwei langsamen Gehirnen in zwei kranken Körpern zu einem funktionierenden Gespräch gereichen würde. Ich versuche zu sagen, dass bei mir immer alles neu ist und dass ich mir manchmal mehr Ruhe und Routine wünsche. Jedes Jahr ist mein Leben so anders.

13 Jahre… Zivildienst, abgebrochenes Studium, anderes Studium, ein paar Jahre Beziehung, unzählige Nebenjobs, unzählige Bands mit unzähligen komischen Leuten, durch einige Länder gezappt, ein paar Sprachen angelernt und vergessen, neue persönliche Rekorde im Herzzerdeppern aufgestellt, ungeahnt großartige neue Welten im Musikmachen gefunden, und nun ein anderer unsicherer Job, die Musik zahlt mir keine Miete. Vor mir sitzt das andere Extrem: 13 Jahre in ein und derselben Zahnradfabrik. Eine Tochter hat er jetzt, erzählt er, und eine Frau dazu. Ich habe unterdessen ein bisschen Welt gesehen und auch keine Angst mehr, mich vor fünfhundert Leuten zu verspielen. Aber wer hat am Ende mehr von dem, das wirklich zählt? Ich weiß noch immer nicht, welches Rädchen ich eigentlich bin, wo ich eigentlich hingehöre in diesem Weltengetriebe, in das mich die große Zahnradfabrik scheinbar so gänzlich ohne Plan hineingeworfen hat.

„Gute Besserung“, wünscht er herzlich, als er endlich an der Reihe ist und die Unterredung damit endet.

Graficktreiber

Damals habe ich zwei Tage lang gebraucht, bis ich auf ihrer Kiste die Grafik mit der Voodoo 3D-Zusatzkarte zum Laufen bekommen habe. Damals war das die erste 3D-Grafik für Normalmenschen, heute ist das in jedem Compopelputer eingebaut. Ich erinnere mich auch noch an die Netzwerkkarte, denn Netzwerk war in damalige Computer nicht standardmäßig integriert. Da musste ich im Programmcode des Treibers herumfuhrwerken, bis das alles lief. Es waren die späten Neunziger, es war Linux, und ich war ein Nerd. Es war mein Summer of Love, wir waren draußen am See, mit dem alten Fiat Panda, bei Konzerten, im Kino, oder sonstwo, das Leben war heiß und schön. Es war also einer dieser seltenen Fälle, in denen ein Nerd tatsächlich Sex mit der Frau hat, deren Grafiktreiber er installiert. Normalerweise treiben es immer nur andere mit der Frau, deren Computer der Nerd in Ordnung bringt. Heute treibt sie die Informatik weiter voran und ich mache am Liebsten was mit Kunst. Grafiktreiber installieren sich heute auch unter Linux automatisch, die fast 20 Jahre seit damals waren also nicht nur zum Älterwerden da, sondern auch zum Reifen. Zumindest für Linux.

Foto: Vlask/VGA Legacy MKIII, bearbeitet vom Autor.

Schießen

Das Schießen nahm ein plötzliches Ende. Davor war es ganz normal gewesen, tagtäglich, alltäglich. Den Code habe ich längst vergessen, all die Jahre danach. Der Code zur Unverwundbarkeit, der Übergang in den God Mode. Es konnte so einfach sein, jemand zu sein. Die Munition war aus unerfindlichen Gründen auch unendlich verfügbar. Die Monster waren hingegen endlich und überschaubar, und sterben konnte man ja nicht. Schon nach kurzer Zeit kannten wir uns aus in allen Levels der virtuellen Ballerei. Damit es nicht langweilig wurde, baute ein Mitschüler das Schulgebäude in einem Level-Editor nach. Wir konnten nun also durch die Schule rennen und Monster abmurksen. So wie jeder gute Amokläufer das Medienberichten zufolge tut. Als Vorbereitung für seine Tat, die mit der Bezeichnung erweiterter Suizid einen anderen inhaltlichen Schwerpunkt bekommt. Dann ist wieder zwei bis drei Wochen Remmidemmi in den Medien, irgendwelche Politiker fordern reflexartig ein Verbot von Killerspielen, es werden wieder neue Übungen und Systeme für den Notfall Amoklauf in Schulen installiert. Bei mir hörte das Schießen auf. An einem Tag im späten Frühjahr 2001. Wir feierten Abitur, wir waren frei, durften endlich ohne Erlaubnis aufs Klo gehen und mussten uns nicht mehr jeden Tag aufs Neue von verbeamteten menschlichen Monstern erniedrigen lassen. Meine Wut fand ein Ende und mit ihr die Notwendigkeit des virtuellen Wütens.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Hilfe

Ich weiß nicht, ob ich die Pflanze gegossen habe. Ich habe vergessen, ob ich es vergessen habe oder nicht. Das ist blöd, denn sie sagt ja nie was, die Pflanze. Sie macht sich immer erst bemerkbar, wenn die Köpfe hängen, dann ist es kurz vor endgültig zu spät und es tut mir jedes Mal wahnsinnig leid. Seltsamerweise ist meine Pflanze genau wie manche Menschen, denke ich da bei mir. Sie sagen nie etwas, wenn man ihnen helfen soll. Und hinterher lassen sie die Köpfe hängen und sind untröstlich. Was noch die angenehmere Variante ist. Die härtere Tour ist, wenn sie dann Vorwürfe um sich werfen. Wie kranke Tannen, die kurz vor ihrem Ende nochmal alle Kraft in neue Zapfen stecken, so werfen diese Menschen dann die holzigen Samen ihres Unmuts an die Köpfe meist unschuldiger Passanten, stets in fester Überzeugung, dass die Welt sich gegen sie verschworen habe – also mindestens die ganze Welt, wenn nicht mehr – und dass sie gar keine andere Wahl hätten. Das ist vermutlich das, was man unter erlernter Hilflosigkeit versteht. Das kann eine ziemlich harte Nuss sein. Ich beschließe somit folgerichtig, meiner Pflanze einen Therapeuten zu suchen.