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Piratenschiff

Ich stelle meine Stiefel auf die Kies­bank und gehe ins Wasser. Die Insel, es sind nur wenige Schritte, es ist nicht tief. Auf der Insel ist viel Kies, da stehen kleine Weiden, die all den Hoch­wassern getrotzt haben. Zwischen den Weiden finde ich im weichen Sand ein Baustellen­hütchen. Oder vielmehr: Einen Hut. Ziemlich groß und schwer. Ich nehme ihn mit, vorne in der Strömung liegen zwei Baum­stümpfe, dort stelle ich den Hut dekorativ hin, stelle mich dekorativ dazu und blicke der Strömung entgegen in die Abend­sonne. Als wir noch Kinder waren, da wäre das nun unser Piraten­schiff gewesen. Wir wären auf den Baum­stümpfen gestanden und hätten mit piepsigen Stimmen affige Kommandos gebrüllt und einen Mords­spaß gehabt. „Klarmachen zum Entern“, hätten wir gerufen, die Insel hätte sich dabei keinen Meter bewegt, aber das hätte uns wenig gestört, vielleicht wäre die Kies­bank das zu erbeutende Schiff gewesen und wir hätten uns mit Gejohle in die Fluten gestürzt. Und auf einmal dieser Gedanke: Warum sind wir heute keine Piraten mehr? Was hält uns? Wir könnten das Beste von beiden Welten haben, das Spiel aus der Kindheit und hinterher das Spiel der Erwachsenen im weichen Sand zwischen den leise wispernden Weiden.

Ich reiße den schweren Bau­stellen­hut hoch und führe das dreckige Ding zum Mund, benutze es als Flüster­tüte und rufe zu dir hinüber zur Kies­bank: „Komm rüber, es ist toll hier!“ Wir könnten doch Piratin und Pirat sein, oder wenigstens ganz kitschig Leonardo und Kate wie in Titanic. Du sagst etwas durch Wind- und Wellen­rauschen und ich verstehe den Ernst unserer erwachsenen Lage: „Geht nicht, Wasser zu kalt.“

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Berge erfahren

Ich habe jetzt auch so ein Bergfahrrad. Also ich hatte früher einmal schon ein Bergfahrrad. Da waren die gerade neu und Eltern kauften ihren pubertierenden Sprösslingen ein ebensolches mit Schutzblechen und Licht, weil engagierte Dorf­fahrrad­laden­besitzer­gattinen dazu rieten, wegen der Sicherheit und der Straßen­verkehrsordnung. Dafür hatte damals niemand einen Fahrrad­helm. Mein Berg­fahrrad war also uncool und ging farblich von Pink in Blau über. Ja, es waren die Neunziger, ja ich war dreizehn. Nein, Mädchen konnte man damit nicht beeindrucken, schon gar nicht neugierig den aufkeimenden Brüstchen in ihrer reinen, unbekleideten Form näher­kommen. Aber man wäre ja auch schon beim Gedanken daran vor Scham und Geilheit gestorben, von dem her war das gut so.

Heute ist es knallgelb, gelber noch als die über mir sengende Sommersonne. Auch ein älteres Modell, aber unendlich breite Reifen, es flutscht wie Sau, keine Schutzbleche, kein Licht, anständig verdreckt, in Betrieb. Und ich düse und ich muss nicht cool sein wollen, die Zeiten sind vorbei. Schön auf dem Pfad bleiben, die Balance halten und Speed geben. Ich biege rasant ein in den kleinen Pfad direkt am Fluss entlang und auf einmal liegen sie vor mir, die nackten Brüste, und bevor ich überrascht sein kann, ist der Moment vorbei und ich muss mich wieder auf den Trail konzentrieren. Später erst komme ich schnaufend zur Besinnung: Mann, das waren keine drei Meter zwischen mir und ihr. Ich sterbe nicht mehr wegen Brüsten, aber das ist noch lange kein Grund zum Frohlocken: Denn das war die kürzeste Distanz zwischen mir und irgendwelchen nackten Brüsten seit schon viel zu langer Zeit. Eigentlich ist das trostlos. Nicht nur eigentlich. Ich steige auf und fahre weiter.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor

Das letzte Navi

Ich stelle mir vor, dass ich mir ein Navi gekauft habe. Eines der letzten Navis, die es noch gibt. Weil entweder die Autos das eingebaut haben, weil ja nun jedes Auto innen aussieht, wie die Kommandobrücke von Raumschiff Enterprise. Oder weil die anderen, die armen Altwagenchauffeure, die machen das einfach mit dem Telefon, heutzutage. Ich stelle mir also vor, ich habe das letzte Navi im letzten Naviladen des Planeten gekauft, im Ausverkauf, für wenig Geld, da es auf absehbare Zeit keine Kartenupdates mehr geben wird. (Also natürlich wird es die geben, aber eben nur für die in Autos eingebauten Geräte, damit man die alten Geräte wegwerfen und sich ein neues Auto kaufen muss.)

Da stehe ich nun also in der sengenden Sommersonne mit meinem Fiat-Safariwagen am Rande eines Nirgendwo und Judith Holofernes singt aus dem Car Hifi: „Ich weiß nicht weiter, ich weiß nicht wo wir sind“, und ich denke: „Jaja, ich weiß, Judith, so ist das im Leben immer wieder.“ Es ist, als würde ich eine weite Ebene überblicken, Flüsse und Wälder sind zu erahnen, aber der Weg dorthin? Unklar. Ich schalte das letzte Navi ein. Es fragt mich nicht nach meinem Ziel. Die neueste Generation Technik – sie fragt den Benutzer nichts, was dieser sowieso nicht wissen kann. Das Display zeigt einen Punkt, meinen Standort, darüber ist eine schmale, eckige Sonnenbrille eingeblendet. Eine sanfte Stimme unterbricht Judiths Gitarrengeschraddel. Der heiße Wind bläst zum linken offenen Fenster rein und zum rechten wieder hinaus. „Folgen Sie dem weißen Kaninchen!“, sagt das Navi. Ein Kaninchen erscheint auf dem Display.

Ich lege den ersten Gang ein und fahre los. „War ich noch nie, war ich noch nie!“, so singt Judith gegen Reifen, Motor und Wind an.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor

Buchstabensuppe

Wenn nur Y, dann X. Wer A sagt, muss auch B sagen. Ich lasse mir doch kein X für ein U vormachen. Das ist das A und O vom kleinen Einmaleins! Kuck mal, draußen die Wiesen und drinnen der Blues. Ich kann tatsächlich das Alphabet auswendig. Ich konnte noch nie gut auswendig lernen, nicht mal in der Grundschule. Mir geht’s eher gut, wenn mein Gehirn spontan schnaggelt. Und nun sitze ich hier und warte auf das Y, damit endlich X. Klar, ich hab nen Knall, aber ich bin nicht allein, wir sind so aufgewachsen. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Erst das neue Fahrrad, dann der Sport. Erst die neue Gitarre, dann das Gottsein. Und dann steht das Zeug alles herum und der angehende Gott sitzt sich den Arsch vor Youtube-Tutorials platt und träumt unzufrieden. Vielleicht ist das das heimliche (Un)Wesen der Generation Y, die vor einiger Zeit durch die Medien getrieben wurde? Das immerwährende Warten auf das noch Bessere, das kommen könnte, während man sein Leben verpasst. Satz mit X: So wird’s nix – Kaffee rein, Arsch hoch, Rockn'Roll!

Foto: Max Braun (CC BY-SA), bearbeitet vom Autor

Der Rucksackberater

Die Gazelle braucht einen Männerrucksack. Der passt einfach besser. Das sagt der Rucksackberater. Naja, stimmt schon denke ich, sie hat schon relativ breite Schultern. Und dass da eine Wespe an der Gazelle verloren gegangen ist, kann man erahnen, als sie den Hüftgurt zunächst etwas zu weit in Richtung Taille ansetzt. Aber der Rucksackberater weiß Bescheid und erklärt eifrig und ausschweifend, wie man einen Rucksack aufs Kreuz montiert, wie man welche Strippen zieht, auf dass das Gewicht auf der Hüfte lasten möge und nicht auf der Wirbelsäule und wie man das Ding belädt, so dass man nicht herumschwankt wie ein Rohr im Wind, dem ein Vogel auf die Spitze geschissen hat. Es stellt sich heraus, dass die Gazelle gerade einen entscheidenden Schritt in ihrem Leben unternimmt: Sie steigt vom teuren Rollkoffer auf den sündhaft teuren Rucksack um. Der Rucksackberater findet die Gazelle bestimmt nicht so übel und erklärt routiniert und ohne Scham, wie das mit dem separaten, belüfteten Fach für schmutzige Wäsche funktioniert. Dann unterbreche ich den Flirt ums Geschäft, ich muss nämlich fragen, ob ich mit meinem Rucksack einfach zur Kasse kann. Also mit dem, den ich mir ausgesucht hab. Ohne den Rucksackberater. Ich fühle mich ganz wohl so, wie es ist. Ohne Flirt, ohne Berater, ohne Dreckwäschefach.

Kontaktspray

Süßlich-chemischer Duft. Damit es wieder flutscht, wenn man was reinsteckt. Kräftig auf beide Teile sprühen, dann einige Male rein und raus. Gleich klingt es wieder gut, kein Kratzen mehr, nur noch flutschige Elektronen. Und dieser Geruch, den jeder Elektronikbastler so gut kennt. Der Geruch alt-ehrwürdiger heißer Geräte, die man liebt und pflegt. Auch wenn der eine oder andere Schaltkreis schon durchgebrannt ist, da muss man dann eben ran mit dem heißen Kolben, der kuriert alles. Das neue Deo aus dem Drogeriemarkt; die geballte Männlichkeit, Muskeln und Testosteron aus der Sprühdose – und doch beißt keine an. Mein Geheimtipp: Kontakt 60, der Klassiker. Hautverträglichkeit dermatologisch von mir getestet und dabei für maximal diabolisch befunden! Duft unwiderstehlich. Wenn sich da keine Kontakte anbahnen, dann weiß ich auch nicht. Hinweis: Funktioniert nicht in Chats, auch nicht über Tinder, benötigt stattdessen Real Life. Nur Mut, nur Mut!

Kugelmenschen

Ich fange an, das äußerlich Profes­sionelle zu hassen. Also eigentlich nicht. Aber dann schon auch wieder. Die perfekten Home­pages, die glatten LinkedIn-Profile, die Glanz­welt Face­book. Wir haben keine Schokoladen­seite mehr, wir sind Schokoladen­seite. Nach außen hin. Um das auf 100 Prozent zu bringen, darf man keine Vorder- und Rück­seite mehr annehmen, das einzig mögliche geometrische Objekt ist die Kugel: Außen Schokoladen­seite, innen der Rest. Man sitzt in der Mitte seiner Kugel und das Erste was man sieht, ist die schmutzige Innen­seite, all die Häss­lich­keit, all das Unperfekte, das man nicht auf die äußere Wand gemalt hat. Man bleibt allein damit, wenn man es nicht zeigt, und das ist ungesund. Der eigene Glanz sollte viel mehr nach innen strahlen. (Auch interessant sind die Kugel­menschen von Platon, aber das ist eine andere Geschichte.)

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor

Die Fressfabrik

Wenn es spät wird, und das wird es notgedrungen immer mal wieder, dann passiert es: Ich lande in der Fressfabrik. Die verwandelt sich gerade. Ich schaue dem Typen auf dem Bildschirm über der Theke zu. Der bestellt mit Sprechblasen. Der Schnitt des Videos suggeriert, dass sein Burger produziert wird, sobald die Frau an der Kassenmaschine auf den Burgerknopf drückt. Alles ganz frisch. Falls man nicht gleich bei einem dieser neuen hochkanten Monsterbildschirme bestellt. Dann muss man auch keinen Menschen mehr anschauen. Überhaupt, Menschen, das wäre eklig. Am Ende sprechen die noch! Zum Glück gibt es in der Fressfabrik keinen persönlichen Kontakt mehr. Ich setze mich auf einen Stehhocker mit meiner Nummer in der Hand – endlich bin ich nicht mehr Kunde, sondern wie überall sonst auch nur noch eine Nummer.

Der Bildschirmtyp über der Warenausgabe zeigt schon zum siebten Mal mit dem Daumen nach oben. Die Fressfabrik rauscht und piept. Sie piept sehr sehr viel. Die Menschen, die im hastigen Tempo der Fressfabrik herumhuschen sehen nicht so glücklich aus. Dabei erleben sie doch unseren herrlichen Kapitalismus in Reinform: Arbeitskräfte maximal auslasten bei minimal noch erträglicher Bezahlung. Herrlich ist dieses System eben nicht für alle und Effizienz hat ihren Preis. Der Typ auf dem Bildschirm zeigt zum neunten Mal mit dem Daumen nach oben. Ich, die Kundennummer, erscheine nun neben ihm als „abholbereit“. Dann fällt mir auf, dass nicht nur die Arbeitsbedingungen, sondern auch die restliche Einrichtung irgendwie hässlich und unmenschlich geworden ist. Ich erahne, dass ein Profi den genauen Grad an Ungemütlichkeit bestimmt hat, bei dem Kunden nicht wegbleiben, aber auch nicht zu lange verweilen, sodass ein höherer Durchsatz in gleich groß bleibenden Räumlichkeiten möglich wird.

Ich möchte nicht mehr in die Fressfabrik gehen, denke ich und sehne mich nach ein mehr Ruhe und Wärme in Mensch und Einrichtung. Mir schmeckt das ganze Ding nicht mehr.

Herdentiere

Pferde sind Herdentiere, sagt man. Und dann stehen sie da auf der Weide, die Stute neben dem Fohlen, und manche sind eher so paar­weise. Sie möchten nicht weg von der Herde, allein mit so einem Zweibein zum Aus­ritt in den fernen Wald. Da wird gewiehert und mit den Hufen gescharrt. Das ist klar, sagen die Zwei­beiner, das sind ja auch Herden­tiere, bei denen ist das so. Doch ganz selbst­verständlich verlangen wir, dass eines von ihnen allein mit uns geht. Und ohne es zu merken verlangen wir von uns selbst, dass wir ganz alleine mit einer fremden Spezies gehen. Kein vernünftiges Pferd wird das je verstehen.

Sieben Moskitos

Im Grunde wäre es natürlich schöner, die sieben Moskitos nicht einfach so tot­­zuschlagen. Natürlich hat das alles einen Sinn. Den Sinn, dass man nicht so sa­ckrisch ver­zwiebelt wird in der Nacht, wenn man seinen alten Ranzen auf die Mat­ratze wirft. Aber schöner wäre es doch, die sieben Moskitos nur für dich zu er­schlagen. Das gäbe dem Ganzen etwas Helden­haftes, wie es einem jeden moralisch wohl­feilen Töten gebührt. Du würdest von der Bett­statt aus zusehen; ich würde morden und heim­kehren an deine Seite, in die Wärme unter unserer Decke, in deine Arme, an deine herzende Brust. Die Welt ein bisschen besser gemacht in roher Manier, jawoll. Sieben tote Moskitos in nur einer Nacht, was für ein Mann!

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor

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