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Zahnradfabrik

„13 Jahre bin ich da jetzt schon“, sagt er und hustet. Ich putze mir die Nase, schon das unzähligste Mal, seit ich das Wartezimmer betreten habe. So sitzen wir beim Dorfarzt fest und erzählen uns ein bisschen aus unseren Leben, schließlich haben wir uns Jahre nicht gesehen. „Es ist halt immer das Gleiche“, sagt der, der jeden Tag in die Zahnradfabrik geht und Zahnräder macht. Ich weiß nicht, wie er das genau macht und ich kann nicht erklären, was ich eigentlich mache, zumindest nicht so, dass es zwei langsamen Gehirnen in zwei kranken Körpern zu einem funktionierenden Gespräch gereichen würde. Ich versuche zu sagen, dass bei mir immer alles neu ist und dass ich mir manchmal mehr Ruhe und Routine wünsche. Jedes Jahr ist mein Leben so anders.

13 Jahre… Zivildienst, abgebrochenes Studium, anderes Studium, ein paar Jahre Beziehung, unzählige Nebenjobs, unzählige Bands mit unzähligen komischen Leuten, durch einige Länder gezappt, ein paar Sprachen angelernt und vergessen, neue persönliche Rekorde im Herzzerdeppern aufgestellt, ungeahnt großartige neue Welten im Musikmachen gefunden, und nun ein anderer unsicherer Job, die Musik zahlt mir keine Miete. Vor mir sitzt das andere Extrem: 13 Jahre in ein und derselben Zahnradfabrik. Eine Tochter hat er jetzt, erzählt er, und eine Frau dazu. Ich habe unterdessen ein bisschen Welt gesehen und auch keine Angst mehr, mich vor fünfhundert Leuten zu verspielen. Aber wer hat am Ende mehr von dem, das wirklich zählt? Ich weiß noch immer nicht, welches Rädchen ich eigentlich bin, wo ich eigentlich hingehöre in diesem Weltengetriebe, in das mich die große Zahnradfabrik scheinbar so gänzlich ohne Plan hineingeworfen hat.

„Gute Besserung“, wünscht er herzlich, als er endlich an der Reihe ist und die Unterredung damit endet.

Graficktreiber

Damals habe ich zwei Tage lang gebraucht, bis ich auf ihrer Kiste die Grafik mit der Voodoo 3D-Zusatzkarte zum Laufen bekommen habe. Damals war das die erste 3D-Grafik für Normalmenschen, heute ist das in jedem Compopelputer eingebaut. Ich erinnere mich auch noch an die Netzwerkkarte, denn Netzwerk war in damalige Computer nicht standardmäßig integriert. Da musste ich im Programmcode des Treibers herumfuhrwerken, bis das alles lief. Es waren die späten Neunziger, es war Linux, und ich war ein Nerd. Es war mein Summer of Love, wir waren draußen am See, mit dem alten Fiat Panda, bei Konzerten, im Kino, oder sonstwo, das Leben war heiß und schön. Es war also einer dieser seltenen Fälle, in denen ein Nerd tatsächlich Sex mit der Frau hat, deren Grafiktreiber er installiert. Normalerweise treiben es immer nur andere mit der Frau, deren Computer der Nerd in Ordnung bringt. Heute treibt sie die Informatik weiter voran und ich mache am Liebsten was mit Kunst. Grafiktreiber installieren sich heute auch unter Linux automatisch, die fast 20 Jahre seit damals waren also nicht nur zum Älterwerden da, sondern auch zum Reifen. Zumindest für Linux.

Foto: Vlask/VGA Legacy MKIII

Schießen

Das Schießen nahm ein plötzliches Ende. Davor war es ganz normal gewesen, tagtäglich, alltäglich. Den Code habe ich längst vergessen, all die Jahre danach. Der Code zur Unverwundbarkeit, der Übergang in den God Mode. Es konnte so einfach sein, jemand zu sein. Die Munition war aus unerfindlichen Gründen auch unendlich verfügbar. Die Monster waren hingegen endlich und überschaubar, und sterben konnte man ja nicht. Schon nach kurzer Zeit kannten wir uns aus in allen Levels der virtuellen Ballerei. Damit es nicht langweilig wurde, baute ein Mitschüler das Schulgebäude in einem Level-Editor nach. Wir konnten nun also durch die Schule rennen und Monster abmurksen. So wie jeder gute Amokläufer das Medienberichten zufolge tut. Als Vorbereitung für seine Tat, die mit der Bezeichnung erweiterter Suizid einen anderen inhaltlichen Schwerpunkt bekommt. Dann ist wieder zwei bis drei Wochen Remmidemmi in den Medien, irgendwelche Politiker fordern reflexartig ein Verbot von Killerspielen, es werden wieder neue Übungen und Systeme für den Notfall Amoklauf in Schulen installiert. Bei mir hörte das Schießen auf. An einem Tag im späten Frühjahr 2001. Wir feierten Abitur, wir waren frei, durften endlich ohne Erlaubnis aufs Klo gehen und mussten uns nicht mehr jeden Tag aufs Neue von verbeamteten menschlichen Monstern erniedrigen lassen. Meine Wut fand ein Ende und mit ihr die Notwendigkeit des virtuellen Wütens.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Hilfe

Ich weiß nicht, ob ich die Pflanze gegossen habe. Ich habe vergessen, ob ich es vergessen habe oder nicht. Das ist blöd, denn sie sagt ja nie was, die Pflanze. Sie macht sich immer erst bemerkbar, wenn die Köpfe hängen, dann ist es kurz vor endgültig zu spät und es tut mir jedes Mal wahnsinnig leid. Seltsamerweise ist meine Pflanze genau wie manche Menschen, denke ich da bei mir. Sie sagen nie etwas, wenn man ihnen helfen soll. Und hinterher lassen sie die Köpfe hängen und sind untröstlich. Was noch die angenehmere Variante ist. Die härtere Tour ist, wenn sie dann Vorwürfe um sich werfen. Wie kranke Tannen, die kurz vor ihrem Ende nochmal alle Kraft in neue Zapfen stecken, so werfen diese Menschen dann die holzigen Samen ihres Unmuts an die Köpfe meist unschuldiger Passanten, stets in fester Überzeugung, dass die Welt sich gegen sie verschworen habe – also mindestens die ganze Welt, wenn nicht mehr – und dass sie gar keine andere Wahl hätten. Das ist vermutlich das, was man unter erlernter Hilflosigkeit versteht. Das kann eine ziemlich harte Nuss sein. Ich beschließe somit folgerichtig, meiner Pflanze einen Therapeuten zu suchen.

Abschiedslieder

Die Sonne scheint so schön und ich höre Abschiedslieder. Wenn die ersten Blätter bunt werden, dann sollte man jeden Tag in den Wald gehen, sonst ist es gleich vorbei mit dem Indianersommer und man hat's wieder mal verpasst. Und verpassen ist einfach scheiße. Und manchmal bekommt man vom Leben ganz schön eine verpasst. Manch einer wählt daraufhin dann lieber das Nichtleben vor dem Tod, das verspricht das Schmerzrisiko zu minimieren – das Risiko, sich zu freuen, leider ebenso. Der Herbst, Zeit für Abschiedslieder. „Lass sie ziehen“, versuche ich ohne Verkrampfung im Herzen zu denken und zu fühlen. All die Momente, vor allem aber die Menschen. Irgendeiner geht immer gerade. Er vermisst mich nicht, sonst würde er ja nicht gehen. Andere sind ihm wichtiger geworden. Ganz leise, ganz langsam, ganz sacht, wie ein gutes Abschiedslied. Und so sitze ich auf meiner Bank am Waldrand und strecke meine Hände der noch wärmenden Sonne entgegen. Und dem, was da noch kommen möge. Ein erstes Blatt segelt zu Boden, ganz leise, ganz langsam, ganz sacht.

Foto: Wolfram Draht, erhältlich bei OpenDesktop als Bildschirmhintergrund (kostenfrei).

Gedankenwelt am Strand

Hallo, ich bin wieder hier. Es war schön im Urlaub. Ich könnt' schon wieder! Das haben sich auch andere gedacht, merke ich, wie ich so meine vielen Mails aufräume, die ohne mich zuhause aufgelaufen sind. Mensch, hat der Mann einen langen Penis. Er schaut die Frau erwartungsvoll (oder siegessicher?) an. Ihr Gesichtsausdruck ist eher von Schmerz gezeichnet, sie schaut in die Kamera. Sein sehr langer Penis steckt in ihrer Scheide. Sie hat sehr sehr große Brüste. Vor ihrem rechten Oberschenkel ist eine Verpackung hineinfotomontiert. Fünf Zentimeter länger und einiges dicker soll der eigene Penis werden, wenn man das eingeblendete Präparat zu sich nimmt. Kein Wunder schaut die Frau so drein, schließlich ist keine Vagina unendlich lang und bestimmt ist es nicht so angenehm, wenn einem so ein überlanger Penis dauernd so volle Karacho in den Muttermund rammelt. Wie friedlich, ja fast naiv war doch meine Gedankenwelt am herbstlichen Strand. Das Offline-Leben! Ich möchte zurück. Sofort.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Disconnect

„Hallo, ich bin Isa“, stellt sie sich gleich vor. Lächelt fröhlich und bounct ein bisschen herum. Natürlich heißt sie nicht Isa, aber ich nenne sie jetzt mal so. Weil sie mich an Isa erinnert, das Mädchen aus Herrn­dorfs Buch „Bilder deiner großen Liebe: Ein unvoll­endeter Roman“. Als Herrn­dorf wegen seines Hirn­tumors nicht mehr schreiben konnte, erschoss er sich. Das war 2013. Isa bleibt. Und steht nun quasi vor mir. In der Pause des Konzerts stopft sie sich Ohr­stöpsel mit eigener Musik rein, immer in Action, niemals still­stehend versucht sie, alle Leute mit­zunehmen. Erzählt Geschichten über Menschen, die ich auch kenne, und ich kann mir nicht vorstel­len, warum diese Menschen so zu ihr waren, wie sie es berichtet. Ich spüre, dass sie nicht alles erzählt. Sie merkt, wenn sie nervt, dann ent­schuldigt sie sich sehr über­trieben und ist eine Weile ruhig, fällt in sich zusam­men, bis es von vorne losgeht. Sie ist leider total mein Typ, wenn auch viel zu klein. Aber ich spüre sofort, dass da was so sehr nicht im Lot ist, dass meine eigene Zer­brochen­heit dagegen fast schon marginal erscheint. Ich habe dafür keine Kraft. Sie kann nichts dafür. Ich bin höflich, aber dennoch abweisend.

„Wenn ich jetzt auf Männer stehen würde, dann würde deine abweisende Art mich total anmachen“, sagt er. Ich nenne ihn mal Herbert, einfach so, weiß nicht, warum. Schon beim Konzert hat er laut reingerufen, am liebsten Sachen wie „Sieben­achtel­takt!“, um zu zeigen, dass er auch vom Fach ist. Er erzählt mir ungefragt, wie das geht mit dem Flirten. Dass man nie echtes Interesse an einer Frau haben dürfe, denn das wäre nicht anziehend. Alles ein Spiel, ich kenne dieses Gewäsch der Pickup-Artists, die mich als Künstler mit dem selbster­nen­nenden „Artist“ quasi beleidigen, was ihnen aber bums ist, denn Skrupel­losigkeit ist ihre tägliche Trainingseinheit. „Schwänze­versenken“, denke ich. Wie passend zu dieser modernen Mensch-zuletzt-Gesell­schaft, die Frau als Objekt und der Mann als das, was am Penis dranhängt. Und Herbert ist eine arme Wurst, die Auf­merk­samkeit braucht. Ich gebe sie ihm nicht.

Es hat nichts mit ihm zu tun. Ich bin wo anders. Ich habe die Verbindung verloren und möchte alleine sein. Und dennoch gute Live-Musik hören. Das ist mir Paradox genug. Ich schweige und lächle, was soll ich auch tun, ich kann gerade nicht anders. Ich lasse niemanden heran, nicht mal mehr mich selbst. Ich lehne mich zurück mit einer Cola und weiß, dass die Musik wirken wird, auch wenn mich vordergründig nichts erreicht. Ich weiß, dass die Menschen mich dennoch berühren und beschäftigen werden, auch wenn ich alles aussperre. Deswegen gehe ich ihnen lieber gleich ganz aus dem Weg.

So sind wir hier, drei arme Würstchen, weder Töpfe noch Deckel, einfach Geister in paral­lelen Universen des jeweiligen Irrsinns, die zufällig aneinander vorbei­fliegen und jeder weiß, dass der jeweils andere ihm nichts geben kann. Isa fällt vollends in sich zusam­men und geht vor der Zugabe. Ich gehe und lasse Herbert mit seinem Bier und seiner schwanz­lichen Philo­sophie noch mehr allein. Die Nacht ist eisig kalt und in mir wird es immer leerer. Bald werde ich ein weißes Blatt sein, denke ich. Es wird nichts mehr von mir übrig sein; Ich schrumpfe mit jedem Atem­zug. Und dann entwerfe ich eine neue Skizze von meinem Leben, auf eben jenem weißen leeren Blatt. Später: Mit einem Lächeln schlafe ich ein und träume Dinge, an die ich mich nicht erin­nern können werde.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor. Wieder öffentlich: Dieser Text war bereits in einem früheren Blog des Autos zu sehen.

Schubladen

Hallo du! Wir müssen die Welt einteilen. Alles ist schon wieder durcheinander. Wir brauchen Anfänger, Fortgeschrittene, Amateure, Profis. Du musst wissen, wo du stehst. Bist du jetzt Blogger oder Publizist? Autor bist du nicht, das bin hingegen ich, ich hab ja mal was geschrieben, das in Büchern steht, wenn auch nur Teile davon, reicht doch, oder nicht? Ich bin Profi, denn mit irgendwas verdiene ich mein Geld, und wovon man lebt, darin ist man Profi, also bin ich E-Mailer, Meeting-Affe, Grafiker, Programmierer, Kaffeekocher, Langeweiler? Leider weiß ich nicht; bin ich ein Hippie oder Sponti, ach letzteres gibt es nicht mehr. Punk wäre auch eine Idee, nur kann ich die Musik auf Dauer nicht ertragen. Rasta, ach das passt ja, aber mit meinen verbliebenen Haaren reicht es mir nicht mal zum Schlagerstar, überhaupt Musik, was mach ich da? Ist das jetzt Rock oder Pop oder Blues oder Schmus oder Liedermacher? Nein, halt-stopp! Zwar sind Texte deutsch, aber ohne Politik, aber auch kein Deutschrock und kein Hip-Hop, also doch am Besten Singer/Songwriter, auch wenn das seltsam klingt und sich schreibt wie TCP/IP oder AES/EBU, was bei weitem nicht das gleiche ist! Das ginge alles noch, wäre da nicht das Ding mit der Improvisation, also das ist manchmal Pop, manchmal Krautrock, ist es experimentell, oder einfach… wie es ist? Tut mir leid, du hast noch keine Schublade, ich weiß nicht, wer du bist!

Kaugummiautomat

Auf einmal steht er da, der Kaugummi­automat. Und ich habe sie dabei, meine kleine neue gebrauchte Kamera. Sie ist digital, also ist sie nicht „neu“, sondern schon ein Dinosaurier., wie alles digitale Gebrauchte. Ich bin fasziniert, ich drücke ab, aus verschiedenen Winkeln, von nah und von fern. Die Farben, der Rost, und vor allem: Ganz viel Erinnerung. An mich als Kind, an die Bande, die sogar einen Namen hatte. War ein Kaugummi­automat kaputt, dann kurbelten wir ihn leer. Die ekligen, meist runden, manchmal aber auch flach und eckig daherkommenden Chemie­bomben füllten wir dann in einen Schul­ranzen, steckten sie später in unserem Bandenlager in alte Einmachgläser und behandelten sie wie einen erbeuteten Piraten­schatz aus Gold.

Zuhause am Rechner sichte ich meine fotografische Beute. Ich mag, was ich sehe. Und da ich auf dem Weg noch einen weiteren Automaten entdeckt habe, denke ich: Da geh ich nochmal mit der großen Kamera hin. Daraus mache ich eine Serie. Coole Idee! Bis ich das dann google. Das Netz tötet mal wieder: Natürlich hat das schon mal jemand gemacht. Du kannst nichts Neues mehr machen, immer war schon einer da. Das war früher auch so, nur hat es da keiner gemerkt, da niemand auf die ganze Welt mit ein paar wenigen Mausklicks zugreifen konnte. Heute ist hingegen alles da, alles schon gesagt, geschrieben, komponiert und fotografiert.

Der nächste Schritt

Denk nicht an das, was dir fehlt. Du trägst alles in dir, was du brauchst, um den nächsten Schritt zu tun. Der Rest wächst nach, unterwegs. Du kannst weitergehen, wann immer du dich nicht aufhältst. Beppo kehrt die Straße Schritt für Schritt – Weisheit ist ein uraltes Ding, das viele passenderweise erst im Alter ihr eigen nennen können. Den meisten aber bleibt sie erspart. Sei wie Beppo, tu den nächsten Schritt. Deine Straße ist noch lang.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.