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The Change Room

Die orangefarbene Tür der Umkleide öffnet sich ruckartig. Heraus tritt er; der Mann. Er blickt sich kurz um, findet nicht. Steckt die Finger in den Mund und pfeift. „Hee!“, brüllt er. Hinter einem Regal taucht auf: Sie, die Frau. Offen­bar seine Frau, so heiß geliebt wie sein deutscher Schäfer­hund, dessen Existenz ich hier postuliere. Wenn man pfeift, kommt Hasso an­ge­laufen, winselt, wedelt mit dem Schwanz, und hofft, nicht ge­schlagen zu werden für seine Treue. So ein Hund kann doch nur Hasso heißen und so eine Frau, keine Ahnung, vielleicht Han­nelore, aber das wäre unfair allen Hassos und Han­neloren dieser Welt gegen­über. Ich schätze ihn auf Mitte Fünfzig. Nicht den Hund, den Mann. Die Frau sagt ihm pflicht­bewusst und mittel­stinkig gelaunt irgend­etwas zu der kurzen Hose, die unter seiner Wampe klemmt. Er schimpft vor sich hin, oder vielmehr: Er schimpft sie aus, aber eigent­lich vor sich hin. Oder zumindest fällt es mir schwer, einen Unter­schied auszumachen. Als ich mit einer anvisierten Bade­shorts selbst in die Umkleide gehe, steht dort sein Mund­geruch wie ein durch­sichtiger Beton­klotz in der Luft, als wäre ein stum­mer stinken­der Zeuge einer inneren Fäulnis zurück­geblieben. Leise bete ich, dass ich ihn verlas­sen hätte, wäre ich an ihrer Stelle. Aber hätte ich wirklich? So viel Kraft kostet manchmal doch die nötigste Veränderung.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Nebenhöllen

Die sehr rundliche Frau auf der anderen Seite lächelt sehr viel. Das Cortison-Nasen­spray hat sie direkt neben der Kasse ihrer Apotheke, das geht hier weg wie frische Semmeln, wenn man den Hals­nasen­ohren­arzt im selben Haus hat. Das gibt’s jetzt als Generikum, meine Kranken­kasse freut sich, ich zahle halt wie immer drauf. Mir liegt ein viertels Halb­kalauer zum Thema Nase wegätzen auf der Zunge, irgend­was mit Kokain oder so. Der schale Witz bleibt mir im rauen Hals stecken. Ich ordere außer­dem noch diesen Schleim­löser, bei dem man aus dem Hals stinkt, wie ein Koala aus dem Arsch. Die 50er-Packung. Und dann noch Ibu­profen, sage ich. Ob ich eine große Packung wolle, fragt sie und lächelt wieder sehr. „Ja“, sage ich, und schiebe nach: „Ich muss ja nicht alle auf einmal nehmen.“ Da lächelt sie nicht mehr. War vielleicht doch kein so guter Scherz. Aber was will ich auch machen mit meinem Schmerz, mit solchen Neben­höllen fallen einem keine gesünderen Witze für sehr rundliche Frauen ein. Humor ist was für Leute, denen nichts anderes übrig bleibt, habe ich mal bei einem Poetry Slam gehört. Fand ich nicht lustig. Die anderen schon. Humor­loses Pack, ich beneide euch.

Bubble Tea

Sie macht mir Bubble Tea, selber. Dieses seltsame Getränk aus grünem Tee und Tapioka-Perlen, die wir liebevoll nur ‚Fischeier‘ nennen; gekochte Stärke­bobbel. Sirup gibt den geschmack­losen Dingern ein Aroma. Es ist durchaus lecker, aber man könnte auch ohne leben. Ich denke zurück, als in Berlin die ersten Läden eröffneten, die Bubble Tea verkauften. Kleine Startup-Blasen, die emporsteigen wollten zum Imperium, so wie das eben immer ist. Du musst nur daran glauben, so bloggen sie dann im Bubble Blog dazu. Echte Werte schaffen und das tun, was du liebst, dann kommt er Erfolg ganz von allein und dein Business wird laufen. Ein Hoch außerdem auf die Selb­ständigkeit, auch wenn sie aus den Worten selbst und ständig zusammengesetzt ist. Tag und Nacht für den Bubble Tea, olé! Schlüs­sel­qualifikation Wahn­vorstellung, wann wird das in den Wirtschafts­wissenschaften an der Uni denn nun endlich gelehrt? Sich begeistern können für offen­kundige Schnaps­ideen, das scheint mir heute elementar. Und ohne stolpern weiter­gehen, wenn man damit auf die Nase fällt, was mit hoher Wahrschein­lichkeit passieren wird. Denn eines Tages kommt die Schnaps­idee, an der sich alle besaufen wollen, und dann schwimmst du im Geld. Als damals dann MacDonalds eben­falls Bubble Tea im Angebot hatte, da wusste ich, dass die Blase geplatzt war. Heute hört man nichts mehr vom Bubble Tea – aus­geblub­bert hat es sich, kein Mensch mehr redet davon. Nun sitze ich hier, habe mein Gewerbe angemeldet, und denke darüber nach, was ich kann, und was davon jemand dauerhaft kaufen wollen würde. Das Leben in Blasen ist leider nichts für mich.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor

Vegan

Du bist vegan und sagst manchmal Dinge, die mein Herz wie Butter schmelzen lassen. Das ist dann schön, und ich bin gerührt wie ein Kuchen. Du hast außerdem zwei sehr schöne Brüste, aber ohne Eier hält das alles nicht zusammen. Bei vegan denken immer alle ans Essen, aber du bist ja vegan, du isst nicht nur vegan, also das auch, aber so insgesamt; es ist ein großes Ganzes. Du brauchst das Vegansein für deinen inneren Krieg, für deine Regeln, für deine Gewalt gegenüber dir selbst und anderen. Klar, die armen Schweine, und die Rinder, auch kaum besser. Weiß ich. Aber wenn deine vegane Faust in meinem fleischigen Gesicht auftrifft, dann denke ich: Die armen Menschen. So stehst du vor mir, in wohl­geformter Weib­lichkeit und in Kunst­leder­stiefeln und auf der Suche und ich möchte schreien, möchte deine ganze Wut und deinen ganzen Schmerz hinaus­brüllen, es tut mir weh, wenn du so mit dir umgehst, da wird mein Herz zu Stein. Und steinerne Herzen fressen leichten Gemütes ein Huhn oder ein Schwein. Oder auch mal ein Krokodil. Gewehre und Metzger­messer sind die Reiß­zähne des Homo Sapiens. Nimm bitte dein Gebiss aus meinem Hals, Kan­nibalis­mus ist keine Lösung.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Arbeiten

Vor dem ersten Kaffee kommt es mir schon reichlich belämmert vor, auf eine beleuchtete Fläche zu starren, auf der viele Bilder und Texte sind. Manche Bilder sind klein und haben Text mit dabei. Ich schiebe sie hin und her. Vielmehr: Ich bewege ein Stück Plastik mit einem Kabel daran. Dabei klickere ich auf Knöpfe, die in dem Stück Plastik eingebaut sind. Manchmal hacke ich auch auf vielen vielen anderen Knöpfen herum, die in einer anderen Einheit mit Kabel dran vor mir liegen. Und wenn mich ein kleines Kind fragt, was ich da mache, dann sage ich womöglich: „Arbeiten“. Dann kommen bestimmt ganz viele Warums. Weil Kinder klar sehen und noch nicht vom Weltwissen verblendet sind.

Herr Zahnruine55

„Nein, wir kaufen jetzt keine Gummibärchen mit diesem Schweine­gelatin­escheiß drin!“, sagt die Mama sehr laut zum Kind. „Über manche Dinge diskutieren wir einfach gar nicht erst!“ Daneben der Typ, der beim Reden Zähne zeigt, die einer mittelalterlichen Burgruine entsprechen. Gleich geht ihre Demo los, für die Legalisierung von Cannabis. Danach werden sie ihr Banner über dem Rathaus-Eingang lassen und in der Menge verschwinden. „Global Marihuana March“ steht nun dort und Herr Zahn­ruine55 kommt sich bestimmt endlich wieder so cool vor wie damals als Teen­ager beim Laternen­austreten.

Ich weiß natürlich nicht, wie alt er ist. Ich schätze ihn also auf 55 und frage mich, was wohl in den Charts war, als er 15 war. Denn die Musik, die man zu Zeiten seiner ersten Liebes­versuche gehört hat, die hat einen Platz im Inneren, ein Leben lang. Später dann zuhause: Das Internet weiß alles. 1976 waren fünfmal ABBA in den Charts, zweimal Boney M., dann noch Jürgen Drews mit Ein Bett im Kornfeld. Das erklärt vielleicht einiges. Stell dir mal vor, das Lied deiner ersten schüchternen Liebe ist Ein Bett im Kornfeld, das begleitet dich dein Leben lang. Darüber kann man regelmäßiges Zähne­putzen natürlich schon durch Dauer­kiffen ersetzen, weil sich letzteres erfrischender anfühlt.

Als der Rathaus­haus­meister das Banner dann nach der Demo abmontiert, etwas arg unsanft, da rauschen die Demonstranten wie die Ratten aus den Löchern und wollen ihn zur Sau machen. „Da kann man doch auch was sagen“, herrschen sie ihn an, sie die verschwunden waren in der Masse, weil sie nicht zu ihrem illegal aufgehängten Banner stehen wollten. Feiglinge. Aber wenn es um ihren Besitz geht, in diesem Fall von einem Banner, dann sind die Hippies gleich auf Hundert.

Und ich denke, ich war immer für die Legalisierung von Cannabis, auch wenn ich nicht kiffe, weil ich finde, dass diese Droge auch nicht besser oder schlimmer als Alkohol ist. Nun steht da der aufgebrachte Herr Zahn­ruine55 vor dem Rat­haus und auf einmal habe ich ein Bild im Kopf: Ein schwankender Alkoholiker schwenkt seine (Alkohol-)Fahne, schnieft durch seine Säufer­nase und wabbelt mit seinem aufgedunsenen Bauch herum – und demonstriert dafür, das Schnaps­brennen von seinen rechtlichen Auflagen komplett zu befreien.

Die Demo zur Legalisierung von Cannabis hat gewirkt: Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich noch dafür bin.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Gefangen im System!

Wenn ich ein Tier wäre, müsste ich nicht kochen. Es würden einfach so leckere Speisen im Wald herumstehen, ich müsste sie nur finden. Ich bräuchte kein Geld und keine Arbeit, das Leben an sich wäre mir Arbeit genug. Anstatt Freizeit wär dann Brunftzeit und anstatt Fernsehen… ach, ich hab ja jetzt schon keine Glotze. Vielleicht mutiere ich schon ganz langsam hinüber. Ich hab irgendwie Lust, raus zu gehen und ohne Schuhe durch den Schlamm zu wühlen und mich an Bäumen zu reiben. Aber nein, es ist ja auch viel zu kalt, als Tier wäre ich außerdem vermutlich nackt, und wer will das schon sehen. Also gehe ich in die Küche und mache Pfannkuchen. Ist irgendwie auch tierisch gut. Und danach geh ich zur Arbeit, damit ich Geld hab, um bald wieder Zutaten für Pfannkuchen zu kaufen. Pfannkuchen sind halt einfach geil. Leider aber ursächlich für mein Problem: Ich bin gefangen im System!

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor. Wieder öffentlich: Dieser Text war bereits in einem früheren Blog des Autos zu sehen.

Fensterbank

Die Tür geht auf, ich sehe einen Streifen Licht, ich schlüpfe hindurch. Die Tür geht zu. Es ist staubig und dunkel in diesem Raum. Große helle Licht­flächen stehen in der Luft, sie fallen quer durch die Szene, heraus aus Fenstern, die an Seiten des Gebäudes sind, hinter denen eigentlich andere Räume sein müssten. Die Dielen knarzen und ich folge den Fußspuren im Staub, die mal hell erleuchtet, mal nur zu erahnen sind. Sie führen zu einem Fenster, das offen steht, und die Fenster­bank ist ganz blank, da liegt kein Staub, nur in den Ecken sind Spuren, die von Händen und Füßen zeugen könnten. Ich lehne mich hinaus und blicke in eine milchige Land­schaft, in der es kein Unten und kein Oben zu geben scheint. Sind meine Vor­gänger wie Geckos an einer Außen­fassade hinaufgeklettert? Oder hinab­gerutscht? Oder einfach davon­geschwebt? Oder ver­schwinden Fenster und Fassade gar, wenn man sich zu weit hinaus­lehnt? Ist die Tür eigentlich noch von innen zu öffnen? Eine hohe, schwebende Melodie klingt ganz leise in der Ferne, ich stelle mir schwingendes Metall vor. Nur drei Töne sind es. Sie wieder­holen sich in vermutlich zufälliger Reihen­folge, aber nie kommen zwei gleiche hinter­einander. Dreitonmusik. Nur drei Töne, alles nur wegen drei kleinen klingenden Tönen, denke ich, als meine Füße die Fenster­bank hinter sich lassen.

Olli, der Hund

Das Kind hat keinen Namen und der Hund heißt Olli. Der Olli bringt Stöckchen, und der kleine Bub befiehlt dem Olli, was zu tun sei. Da aber dabei immer das Stöckchen im Spiel ist, das der Olli ziemlich toll findet, ist nicht herauszufinden, ob der Olli wirklich jemals das tun würde, was ihm gesagt wird. Die beiden freuen sich sichtlich, einander zum Spielen gefunden zu haben. Ich kaue Apfelbrot und hätte lieber heißen Tee als kaltes Wasser. Zwei Stunden Marsch liegen hinter mir – und auch noch vor mir. Ein Novemberherbst, schon zu spät viel Uhr des nachmittags, der Tag wird schon merklich kälter, ein paar letzte Bäume sind hier oben noch bunt und kontrastieren sich mit grauen Ästen und distanziertem Nebel, durch den sich in der Ferne der Turm eines Schlösschens hervortun möchte. Der Olli und der Bub haben zwei Frauen mit dabei, die eine scheint einen Kinderwagen wie einen Rollator zu benutzen. Die beiden Frauen gehen mit gesenktem Blick durch die Natur, von Weitem könnte man meinen, eine tiefe Trauer drücke ihnen auf die Schultern und halte sie gebeugt. Bis man die Großbildschirmtelefone in ihren Händen sieht. Als sie bei mir vorbeikommen, sagt die eine: „Na, dann hätten wir auch hier oben parken können.“ Ein einziges Auto steht in fünfzig Metern Entfernung auf einem sehr großen und sehr sehr leeren Parkplatz. Ich breche auf, die Dunkelheit bricht früh herein in dieser Zeit und es ist noch ein gutes Stück.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Luftlenkräder

Ich bin jetzt ein alter Mann und ich schlürfe einen Milchkaffee aus einem Einmachglas mit Henkel, dessen Aufschrift für eine Limonade von und mit Jack Daniels wirbt. Die Welt hat sich doch seit damals sehr verändert; seit Jack Daniels ausschließlich in Cola vorkam und der einzig bekannte Whiskey einer Landjugend war. Eine auf ihre eigene Art sehr anziehende Frau mit wohlsortierten Haaren, deren Gattungsbezeichnung mir als Frisurenlegastheniker nicht bekannt ist, stapelt Bierkistenbarhocker herbei. Weiter oben sitzen zwei dünne Hipster, ihre Bärte lassen den Weihnachtsmann und die Salafisten alt aussehen. Sie lenken in der Luft herum. Entspannt und sanft wie Piloten und doch fast so konzentriert wie Chirurgen bewegen sie ihre Luftlenkräder, der eine seines zwischen den Knien, der andere das seinige fast unter dem Kinn. Ab und zu wechseln sie Worte, ganz leise, fast bewegen sich nur die Lippen. Elektronischer Chillout-Sound wabert leise kreuz und quer zwischen den Säulen herum. Einen Moment lang glaube ich zu spüren, dass das Leben eine einzige Performance ist. Dada lebt – und ich bin mittendrin.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.