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Kontakt

„Heute hatte ich Kontakt“, sagte die Mitbewohnerin. Der Satz hing dann da so in der Luft meiner Gehörgänge und wartete auf eine Fortsetzung. Vielmehr, ich wartete auf eine Fortsetzung, die sich aber als nicht eingeplant herausstellte. Das Kiffen hatte die Mitbewohnerin kürzlich erst einstellen müssen, da sie es sich nicht mehr leisten konnte. Die Tabakgrundlage dafür hatte sie ohnehin meistens aus Kippenstummeln extrahiert, die sie überall auf ihren langen solitären Spaziergängen oder Radtouren eingesammelt hatte. Nicht mehr zu kiffen, das war allerdings dem WG-Leben gar nicht mal so zuträglich. Ohne Betäubung schien es bei ihr nicht zu klappen, und so setzte die Mitbewohnerin eine akustische Haube auf – einen Kopfhörer mit eingebautem MP3-Player, der tagein, tagaus das gleiche Lied spielte. Hauptsache weg.

Vor diesem Hintergrund hätte ich es eigentlich verstehen müssen. „Ich hatte Kontakt“, das genügte einfach für sich alleine schon als Highlight. Mit wem, warum, und wie lange, und worüber, das spielte eine untergeordnete Rolle. Kontakt an sich war offenbar etwas, das es nur selten gab. Wie einsam, dachte ich zunächst. Aber Kontakt war auch offenbar etwas, das schlecht auszuhalten war. Auf dem Balkon – sie saß dort, rauchte die dünnen Selbstgedrehten aus dem Tabak der Kippenstummel und das Lied saß dabei wie ein geschlossener Helm auf ihrem Kopf. Ich setzte mich dazu, rauchte Javaanse und fragt mich, warum ihr rechtes Bein immer so zuckelte und zappelte. Sie streifte die Asche auf dem Tisch ab, fein säuberlich Häufchen konstruierend, die über Nacht in Wind und Regen zur umfassenden Sauerei werden sollten. Ich benutzte den Aschenbecher daneben. Kontakt fand nicht statt.

„Ich glaub ich bin in meinem letzten Job ein bisschen depressiv geworden“, hatte sie einmal gesagt, als sie noch kiffen und daher noch sprechen konnte. Ich denke, das ist irgendwie in etwa so: Zwischen Innen und Außen ist eine Wand, die sich sogenannte geistig gesunde Menschen einbilden. Um sich dann bei Verlust dieser Gesundheit von Therapeuten erklären zu lassen, dass man seine Welt so behandelt, wie man sich selbst behandelt, oder andersrum. Also von der Wand zum Sieb quasi – und bei denen mit Dachschaden ist das Sieb auch noch kaputt. Für die ist das dann echt krass anstrengend, wenn die großen Brocken durchs Sieb krachen, also besser keinen Kontakt haben, weder zu den anderen noch zu sich selbst. „Finde dein wahres Selbst“, sagen die Neoliberal-Esoterischen, die alles Unglück ihrer jeweiligen kleinen großen Welt ganz alleine zu verantworten haben. Kann vermutlich ne ziemlich hässliche Angelegenheit sein, so ein wahres Selbst. Und wenn darin auch keine Antwort liegt, ist durchdrehen doch auch eine naheliegende Lösung.

Naja. Jahre ist das nun her. Gestern hatte ich Kontakt. Ich saß mit Menschen an einem Tisch und es wurde über dies, das und jenes geredet. Dazu gab es Kaffee und Gebäck. Das war dann auf einmal sehr schön. Manchmal hatte ich das Bedürfnis, mich selbst zu bremsen. Unsicherheit: Wie geht das, Kontakt haben? Das weiß ich auch nicht mehr so genau. Seit jenem Freitag, den 13., seither ist Kontakt doch ziemlich wenig geworden. Ich glaube, ich habe das verlernt, das mit dem Kontakt. Das ist irgendwie anstrengend. Ich drehe die Musik lauter und DJ Valium scheint mir jetzt auch kein so beknackter Künstlername mehr zu sein. Ein Track, so profan und beruhigend wie aller Mainstream-Techno der Neunziger. Repeat.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

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