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Roter Staub

Es gibt hier keine Kondensstreifen mehr. Die ausgetretenen Himmelspfade der Düsenflieger, oder vielmehr deren Abwesenheit, ist nur einer von vielen Hinweisen. Die meisten sind subtil, bleiben unerkannt. Letztens zum Beispiel, da lag überall rötlich-gelber Staub draußen. Auf den Autos, auf dem ehemals weißen Tisch auf dem Balkon. Der sei von der Sahara, sagten sie im Zwischennetz. Das mit der Düsenfliegerei habe man einstellen müssen, wegen der Seuche. So ist die offizielle Version. Doch immer mehr Menschen vermuten eine andere Wahrheit und je mehr sie vermuten, desto mehr wird sie zur Gewissheit.

Das Zwischennetz unterdessen ist unsere Form des Kontakts geworden. Wegen der Seuche, so heißt es eben dort, im Zwischennetz. Natürlich, es ist so perfide wie logisch. Eine andere Realität zu erschaffen ist nicht so einfach möglich. Es gibt kein Holodeck wie bei Star Trek. Die Virtualität war immer zu imperfekt, sie flog immer alsbald auf. Sogar bei Star Trek war sie ja nur ein Gag, der eigentlich nur für den Filmzuschauer funktionierte, nicht aber für die Figuren darin. Der Mensch hat zu viele Schnittstellen, würde der Informatiker sagen. Augen, Ohren, Nase, Haut… zu viele Daten, die man simulieren müsste, um eine gefälschte Realität zu erschaffen. Vielleicht wird es eines Tages gehen, mit Quantencomputern und Was-weiß-ich. Aber so weit sind die Gelehrten noch nicht.

Die Lösung ist trivial: Die Schnittstelle muss verkleinert werden. Wir packen alles hinter den Bildschirm. Wir reduzieren die Realität auf Mattscheibe und Lautsprecher. Damit die Realität real wird, machen wir sie interaktiv. Man kann mit Mattscheibe und Lautsprecher sprechen, oder sie berühren, und dann passiert etwas. Zwischen meiner Realität und deiner ist das weltweite Zwischennetz. Jener ominöse Raum, in dem alles und nichts möglich scheint.

Unsere Station verlassen wir nur noch in Schutzausrüstung. Es ist eiserne Vorschrift. Niemand wagt es, sich ohne Schutz der Atemorgane hinaus zu begeben. Wegen der Seuche, sagen sie im Zwischennetz. Man müsse sonst doch recht schnell elendiglich verrecken. Als wäre das nicht genug, wurden drakonische Strafen verhängt. Manch ein Delinquent sei schon mit dem Senkrechtstarter von weit oben aus aufgespürt und anschließend gleich mitgenommen worden, so hört man. Vollmaskierte schwarze Gestalten kamen aus dem Luftgefährt gesprungen, Menschen ohne Gesicht und ohne Namen. Vielleicht sind es auch Androiden, aber mit Gewissheit kann man das nicht sagen.

Ich bin einer der Privilegierten. Ich habe einen Balkon. Auf diesem sitzend kann ich diese Memoiren niederschreiben. Einen alten Bleistift habe ich noch gefunden. Hier auf dem Balkon sind keine Kameras, so hoffe ich zumindest. Den Bleistift habe ich der Länge nach aufgespalten und überprüft, dass keine elektronischen Bauteile enthalten sind. Das Papier habe ich von meinem Großvater geerbt. Nur so sind die Gedanken sicher festzuhalten, ohne das auch ich abgeholt werde. Ein Restrisiko bleibt. Bleistifte dürfen seit einem Jahr schon nicht mehr verkauft werden. Blei sei zu ungesund, sagten sie im Zwischennetz. Kommentare, die berichteten, im Bleistift sei schon lange kein Blei mehr, sondern Graphit, wurden umgehend gelöscht. Ob die jeweiligen User abgeholt wurden, kann ich nicht sagen.

Draußen machen sie unterdessen munter weiter mit der Lüge – nur wenige Menschen sind auf den Bürgersteigen zu sehen, alle vorschriftsgemäß maskiert. Sie sprechen nicht miteinander, wenn sie sich begegnen. Kommunikation außerhalb des Zwischennetzes wurde letzte Woche verboten. Wegen der Seuche. Bei mir aber sammelt sich der Verdacht, wird größer und übermächtiger. Heute Morgen war wieder roter Staub auf dem Tisch hier auf dem Balkon. Sahara, hieß es wieder im Zwischennetz. Eine ungewöhnliche Wetterlage, sagte ein Mensch mit Karte im Hintergrund. Schon wieder. Beinahe jede Woche!

Würde nur ein normaler Mensch einen Düsenflieger je wieder besteigen dürfen, es wäre so offensichtlich. Im Zwischennetz kommunizieren Menschen über die Scheibenhaftigkeit der Erde. Überall ist diese Theorie zu lesen, so falsch sie auch ist. Mittlerweile denke ich: Das ist eine willkommene Ablenkung, das wird gefördert von ganz oben, wer auch immer dort sitzt – und warum.

Schon manches Mal fragte ich mich, warum gerade wir auserwählt wurden. Früher ging man von Milliarden Menschen aus. War auch das eine Lüge? Aber warum sind es jetzt nur noch wir? Was ist an mir so besonders? Bin ich stumm und dumm genug, nichts zu merken? Aber sollte es um ein Experiment gehen, und nicht einfach nur um den Sadismus eines wahnwitzigen Herrschers, wieso hat er nicht die Gesündesten und Klügsten ausgewählt?

Zugegeben, ich bin nicht mutig genug, lange genug ohne die Maske hier auf dem Balkon zu sitzen. Was, wenn die Gase doch zu sehr an meinen Lungen nagen würden? Vielleicht kann man diese Atmosphäre ja gar nicht spüren in ihrer ungefilterten Giftigkeit. So wie Kohlenstoffmonoxid. Man stirbt einfach leise. Kurzum, einen Selbsttest zu wagen, so weit bin ich noch nicht. Es ist auch nicht klar, ob wir nicht in einer gigantischen Kuppel sind. Also, ob eine planetenumspannende Atmosphäre überhaupt existiert – unklar.

Der Düsenflieger wäre die andere Option. Man müsste es ja sehen, wenn man nur hoch genug hinaufsteigt. Überall müsste man den roten Sand sehen, der unsere Oase umgibt. Gäbe es eine Kuppel, dann wären Düsenflieger natürlich unmöglich. Für die Senkrechtstarter der Ordnungsorgane müsste dann ein gutes Leitsystem existieren, damit diese nicht aus Versehen in die Wand rasen. Deswegen vertrete ich die Theorie der planetenumspannenden Atmosphäre, die außerhalb der Räume unserer Stationen noch nicht dauerhaft zum Atmen geeignet ist.

Austauschen kann man sich wie gesagt nicht darüber. Das Zwischennetz würde nicht nur einem die Worte in der Tastatur oder im Munde verdrehen, man wäre auch sofort aufgespürt. Als das Sprechen mit dem Nachbarn noch erlaubt war, als Menschen noch kurz innehielten und Worte wechselten auf dem Bürgersteig, da waren sie oft zu hören, die Senkrechtstarter. Nun, da alles nur noch über das Zwischennetz läuft, ist es still geworden am ewig blauen Himmel.

Zum Mars wolle man aufbrechen, las ich unlängst im Zwischennetz. Was für eine grandiose Lüge. Ein reicher Mann von einem anderen Kontinent habe ein Raketensystem entwickelt, mit dem man zum Mars reisen könne. Dabei sind wir doch schon längst auf dem Mars. Sagen darf man das natürlich nicht. Und immer der rote Saharasand auf meinem Tisch. War schon mal jemand in der Sahara? Gibt es die Sahara überhaupt? Mars-Sand ist es. Ganz gewiss. Wir sind Teil des Experiments. Erdlinge, gefangen in einer roten Wüste, die alles umspannt, maskiert lebend in unserer Oase, systematisch vereinzelt und nur noch durch ein kontrollierendes digitales Organ verbunden.

Die Wahrheit ist: Wir können nicht zurück. Etwas ist offenbar schiefgelaufen. Oder vielleicht auch nicht, vielleicht sollten wir nie zurück. Vielleicht sind wir die Auserwählten. Nur auserwählt wozu? Zum Aussterben vielleicht? Denn davon, dass ich mir andere Menschen im Zwischennetz betrachte, wie sie Grundmenschliches tun und dabei genüsslich grunzen, davon wird hier niemand schwanger. Eine Reproduktion findet nicht statt. Doch jemand will zurück, das ist klar. Marsmission nennen sie es, ihren Rückflug. Vom-Mars-weg-Mission. Das darf man nur nicht sagen. Deswegen wird es als Zum-Mars-hin-Mission verkauft. Denn eines Tages werden wir ja die Raketen sehen, im ewig blauen Himmel.

Heimlich kann man das nicht machen. Heimlich kann man nur schreiben, für eine Nachwelt, falls es sie geben wird. Mit Bleistift auf Papier. Und es irgendwo verstecken. Denn die Wahrheit bleibt die Wahrheit, auch wenn sie keinem mehr nützt, auch wenn ich der einzige bin, der sie kennt. In aller Deutlichkeit: Wir sind auf dem Mars, wir waren nie woanders. Wer etwas anderes glaubt, hat die Zeichen nicht gesehen.

Ich muss nun aufhören, das Geräusch eines Senkrechtstarters ist in der Ferne zu vernehmen.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

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