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Ein guter Mensch

Ich bin ein guter Mensch. Ich trenne meinen Müll. Wenn die blaue Tonne – das ist die für das Altpapier – wenn die voll ist, dann bringe ich die sperrigen Kartons, die ich dort sowieso nur mit Mühe hinein bekomme, die bringe ich dann zum Container. Dazu fahre ich mit dem Auto vom Dorf in die Stadt, durch sie hindurch, ins hinter­letzte Industrie­gebiet. Der Container hat Öffnungs­zeiten, die sind blöd, ich muss mich sputen. Die Stadt ist voll, denn tausende junge Menschen demonstrieren für ein besseres Klima. Des­wegen nehme ich den weiten Um­weg über die Um­gehungs­straße. Ich versuche, nicht zu viel nutzlos in der Gegend herum­zu­fahren und bringe auch gleich meine Pfand­flaschen unterwegs zurück. Brav zerquetscht der Automat meine Flaschen. Ich glaube, ich habe etwas Gutes für die Umwelt getan, schließlich gibt es 25 Cent pro Flasche. Etliche Mehr­weg­pfand­flaschen nimmt der Automat lieber nicht, die findet er irgendwie doof. Da ich nicht noch den Umweg zu den drei Läden fahren will, bei denen ich die verschiedenen Flaschen gekauft habe, werfe ich sie in den Rest­müll­eimer neben dem Auto­maten. Dann gehe ich in den Super­markt hinein. Direkt auf den Demeter-Kürbis klebe ich das Eti­kett der Waage, das mache ich schon immer so, nur fragt mich die Waage jetzt, wie und ob ich den Kürbis ver­packt habe. Ich träume von Hühn­chen und Curry und Kürbis, aber alles Hühn­chen ist aus Stall­haltung und in ganz viel Plastik ein­gepackt. Ich bin ein guter Mensch. Ich kaufe kein Hühn­chen. Zuhause frage ich das Internet nach Huhn aus Frei­land­haltung und beschließe, nicht mit dem Auto zum weit ent­fernten Hof­laden des Er­zeugers zu fahren. Ich bin ein guter Mensch mit einem einsamen Butter­nuss­kürbis.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Ignatz Bubis

Einmal, da hatte ich Ignatz Bubis vor dem Mikrofon. Also so ein bisschen zumindest. Ich war nur so dabei, so Hilfston­kutscher in etwa, in der Schulaula. Genauer im Regieka­buff hinter Panzer­glas. Viel weiß ich nicht mehr davon, außer dass die Ton­anlage skurril verschaltet war und dass ein Polizei­hund an meine Ritter Sport Schoko­lade wollte, es war die mit Nuss. Eingeladen hatte irgend so nen Menschen­rechtsclub, also eine AG, also heute würde man Aktien­gesellschaft sagen, damals bedeutete das Arbeits­gemeinschaft oder so, weil ja alles, was in Deutschland gut ist, was mit Arbeit im Wort haben muss.

Die Supertante von der Amnesty AG, so hieß der Club vermutlich, wegen Amnesty International, oder so, die stellte dem Ignatz irgendwo weit dort unten in der Aula das Mikro ans Redner­pult und der Arme sank dann immer tiefer. Denn wohl­meinende Amnesty-Tante zu sein, heißt halt noch nicht, die Kraft zu haben, ein Mikrofon­stativ ordentlich fest­schrauben zu können. Was der Ignatz so erzählte, weiß ich auch nicht mehr, mir war es aber peinlich, das mit dem Mikro, aber ich konnte da nicht hin, das wäre doof gekommen und überall waren Polizisten und ich hatte wie immer diese Militär­hose an und überhaupt. Es war jedenfalls ein großes Tamm­tamm und alle mussten irgendwie hin, wie später an der Uni auch, wenn ein Stargast da war. Publikumsvieh nannte ich das dann, wenn Studenten und Mitarbeiter zum Vortrags­besuch verdonnert wurden.

Und das alles fällt mir auch nur ein, weil ich Ignatz Bubis einen lustigen Namen finde, auch wenn man über Tote ja nicht lachen sollte, zumindest nicht lästerlich. Dann ist mir sogar der Name der Amnesty-Tante wieder eingefallen, und dass sie mit einem Studenten zusammen war, damals in der elften Klasse, und sich für unendlich viel gereifter als alle anderen hielt, damals, vielleicht deswegen. Facebook sagt, sie lebt jetzt in Berlin und ich merke, dass ich die letzten 18 Jahre kein einziges Mal an sie gedacht habe. Aber an Ignatz Bubis, hihi, also nur an den Namen natürlich, und an das blöde Wort Zentralrat, was der sonst so gemacht hat, ist mir Banane geblieben.

Aufbrechen

Ich breche auf. Ich breche alles auf. Ich werfe den Aufbruch ins Gras und halte die Hunde davon ab. Wie soll man diese Welt erneuern, wenn die Alt68er das schon getan haben? Kommune 1, alle nackt, alle ficken alle, alle kiffen mit allen, keiner arbeitet mit niemand, das ist die Lösung. Nicht. Übrig geblieben: Viel Gutes und ein Feminismus, der Männern nicht mehr die Schwänze ab sondern nur noch die Zungen raus schneiden möchte. Beruhigend? „Das System“ ist überall, und dann ein Web voller Mode­blogger­kinderinnen, die was von Business labern mit ihren Einnahmen in Ein­kaufs­gutscheinen von Produkten, für die sie dann wieder Werbung machen. Marionetten mit Stolz, die perfekten Menschen für diese neue Arbeits­welt; die Irren von morgen oder von übermorgen. Die alten Herren lachen sich derweil im Porsche Cayenne in ihre schmutzigen Fäustchen: Eine junge Generation, die alles macht, was man von ihr will! Endlich! Und ich? Ich bin zu alt für den Scheiß. Ich mache nicht mit. Ich breche auf. Am Ende nur mich selbst, denn die Welt ist mir allein zu viel.

Die Welt (2)

„Warum ich Hobbys habe“, „Warum ich nach XY reise“, „Warum ich erfolg­reich bin“ (und du nicht), „Warum ich Coach geworden bin“, „Warum ich (keine) Face­book-Wer­bung mache“ – Warum-ich-Über­schriften, Seuche und Symptom unserer Zeit; das Du ist mir doch egal, ich erkläre dir meine Welt und warum ich der Nabel aller Welten bin, und warum ich dir sagen kann, wie das Leben funktioniert. Es gibt in meinem Leben fünf wichtige Personen: Ich, mich, meine Wenig­keit, Meiner­selbst, und Meiner­einer. Die anderen sind auch wichtig, nämlich um mir zu huldigen, um mein Warum-ich-Ejakulat aufzu­schlecken brauche ich sie, dringendst sogar. Und Facial­book war erst der Anfang. Wäre ich mir ehrlich selber wichtig, so müsste ich mich nicht erklären.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Sauguat

„Dia send sauguat!“, sagt die schwäbische Oma neben mir im Supermarkt, wie ich so die Zutatenliste einer abgepackten Schwarzwurst studiere. Und sie meint damit die drei Schwarzwürste in der anderen Packung, die sich noch im Regal befindet. Mein Gehirn ist irgendwo anders, es denkt an heute nicht mehr genutzte Wörter für Schwarzwurst, die nicht mehr politisch korrekt sind, oder es nie waren. Und daran, dass viele Leute sowieso keine Schwarzwurst essen, weil da Blut drin ist und völlig unversteckte Fette herausschauen. Außerdem ist Schwarzwurst aus Tier. So wird die Schwarzwurst sicher bald von der Wurst der armen Leute zur Delikatesse mutieren, denn das Gefühl von Dekadenz gehört ja auch zum Delikaten irgendwie dazu, denke ich. Ich leiste mir es eben, dass Schweine getötet, kleingeschnitten und mit Blut vermengt im eigenen Darm verpackt werden, ich dekadente Sau! „Dann probier ich die“, sage ich zu der Oma und hoffe, dass sie Recht hat, einfach nur weil sie alt und urschwäbisch ist.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Endstation

Neben dem Fahrstuhl, der auf Schwäbisch Aufzug heißt, hängt eine Tafel mit Namen und Zimmer­nummern der Bewohner. Das hört sich nett an, eine Residenz mit Bewohnern. Sankt-Soundso, klingt edel. Ein Eingangs­bereich mit Aufent­haltsraum, um das Wort Wohn­zimmer zu um­gehen, denn er ist bis auf Möbel im Ein­richtungs-Stil und ein altes Klavier im Moment so un­be­wohnt wie die kleine Em­pfangs­theke davor. Aber es gibt ja die Tafel mit Namen und Nummern. Oben dann der üble Geruch von Scheiße, zusammen mit einer leicht säuer­lichen Note, meine Nase mag sich nicht zwischen Zitronen­duft und Pisse unter­scheiden. Faltige, graue, vergilbte Menschen sitzen an Tischen und nehmen Nahrung zu sich, inmitten des Scheiße­gestanks. Dein Zimmer ist kahl, keine Bilder, zweckmäßige Press­span­möbel sind in ein Plastik­furnier mit Holz­optik gepackt, es stinkt anders hier drin. Du schläfst und merkst nichts. Ich glaube nicht, dass, du weißt, wo du bist. Einmal wachst du auf und siehst mir in die Augen und ich freue mich plötzlich, dich zu sehen. Gestern hast du sogar einen ganzen und außer­dem ver­ständlichen Satz zu mir gesagt. Dann schläfst du wieder und ich gehe irgend­wann und ärgere mich über mich selbst, weil ich daran denke, wie du das mal gemacht hast, als ich in der Kinder­klinik war: Einfach ab­hauen, während man schläft. Ich fand das ganz schrecklich, damals. Auf der Straße möchte ich weinen. Wir haben dich in die Scheiße gesetzt, weil wir es nicht mehr packen. Du kannst nichts mehr allein – gar nichts kannst du allein, außer sterben. Für viele Dinge muss man bei dir zwei starke Alten­pfleger­innen sein. Ich möchte das Wort Würde ver­prügeln, das alle im Munde führen, süchtig danach und an­ge­widert davon, wie beim Kaut­abak, insbesondere Politiker vor Wahlen. (Und dann ausspucken.) Die Realität ist: Die Alten sitzen in der Scheiße.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Kompetenzkompetenz

Nur durch seine hundert­dreißigjährige Tee­erfahrung gelingt es dem Her­steller™, die gehalt­vollsten Blüten der aller­besten Felder aus­zu­wählen. So mild, so sanft, und ich kann ihn genießen, und wie er mir so gut tut. Und ich stelle mir vor, wie ich erst sein werde, so kompetent, so profes­sionell. Wenn ich erst mal ein­hundert­dreißig Jahre lang das Pflücken einer Pflanzen geübt habe. Aber es wird mir nichts nützen, denn wenn ich jetzt damit an­fange, dann hat der Her­steller™ bis dahin schon zwei­hundert­sechzig Jahre Erfahrung mit Kamillen­tee – unschlag­bar. Dass mir Kamillen­tee über­haupt nicht schmeckt, ist dann auch vollends wurscht. Ich bin tot, die Tee­kanne lebt.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Das harte Leben

Ich stelle mir das so vor, ein schummriger, tätowierter Raum und überall ist Rauch wie er früher einmal war; Rauch aus Tabak und Mari­huana und nicht dieser Dampf der akku­betriebenen Taschen­nebel­maschinen, an denen heute jede Sau saugt. Ich stelle mir das so vor, dass man hier nicht auf dem Boden liegen möchte, weil man nicht weiß, ob der in den letzten zwölf Jahren mal ge­wischt wurde und wer zuletzt in welcher Bier-, Pisse-, oder Kotze­lache hier gelegen hat. Viel­leicht ist da auch Benzin auf diesem Boden, denke ich mir, aber das verdampft, also Motor­öl. Ja, Motor­öl ist gut. Und dazu läuft vielleicht Dio aus den Laut­sprechern, mit The Last in Line, also nicht das Album, sondern der Song. Dass Ronnie James Dio tot ist, passt so exakt ins Gesamt­bild wie Jesus ins letzte Abend­mahl. Alle tun dann so voll hart, oder waren echt schon im Knast, oder beides, und es gibt Jim Beam, Wodka Cola, Jacky Cola, Araber und all die anderen Kotz­mischungen mit Cola halt so. Dazu Bananen­weizen, für die gestähl­testen der harten Mägen. Und Butter­fly­messer und Zippo-Feuer­zeuge und Toten­schädel. Den ganzen Kram, den noch nie ein Mensch brauchte, außer um das harte Leben zu feiern. Und um daheim im Vor­garten am Kugel­grill, hinterm Sicht­schutz vor den Nach­barn, dann wieder der lang­weilige aber zu­friedene Spießer zu sein, der diese verschis­sene Härte des Lebens dort gelas­sen hat, auf diesem ver­kotzten und ver­ölten Fuß­boden, an ihrem Ort des Elends; stinkend, lärmend und tot.

Die Penis-Enttäuschung

Es geht hier nicht darum, einen Bombe zu bauen. Um den ameri­kanischen Präsidenten geht es auch nicht. Auch um Katzen geht es hier nicht, und auch nicht darum, wie unglaublich das ist, was danach passierte. Es geht nicht ums Ab­nehmen, nicht um ein Vorher oder ein Nach­her, nicht um Erfolg und nicht um den Six-Figure-Deal, nicht mal um Such­maschinen­optimierung oder Sport­wagen. Nicht um Fuß­ball, und noch viel schlimmer: Weder Porno ist hier wichtig, noch Mösen oder Fotzen. Möpse und Hunde und Titten spielen keine Rolle. Dass es hier nicht um Anal Bleaching geht, wird nun auch wiederum kaum ein Arsch­loch erbleichen lassen. Keine Sau interessiert sich hier für einen geraden oder ver­längerten Schwanz. Und es kommt alles noch schlimmer: Es geht hier nicht um deinen Pimmel. Die Ent­täuschung ist groß: Es geht nicht um Gender-Wahns*inn. Und es geht hier nicht um irgend­einen Penis. Es geht hier um alles und um nichts – der Penis spielt keine Rolle.

Dystopie

Die Zwanzigerjahre dieses Jahrhunderts werden das Jahrzehnt des Marketings und des Bull­shits. Schon jetzt wird nur noch wahr­genommen, wer sich selbst öffentlich anpreist. Noch ist es die Domäne von Firmen und Werbe­agenturen, aber insbesondere in den sogenannten sozialen Medien bewerben sich immer mehr Individuen wie Produkte. Aufmerk­samkeit, Klicks und die anonyme digitale Liebe der Masse werden zur neuen Währung. Alle ergießen sich in Stärken- und Schwächen-Analysen, ihre Stärken etwas arg über­betonend und das Ergebnis garniert mit einem übergroßen Schuss Schwurbel auf die Welt und ihre Mit­menschen loslassend. Die Suche nach der besten Selbst­vermarktungs­floskel mit möglichst viel Impact bei notwendigem und nahezu völligen Verlust von Inhalt ist der neue Volkssport. Persönlichkeit und Wahr­haftigkeit sind verwegene Tugenden einer vergangenen Zeit. Die neue Grat­wanderung ist noch mehr die Eigen­werbung zwischen pseudospritziger Individualität und Maximierung der eigenen Massen­kompatibilität. Berufe, Urlaube, Partner, Häuser, Autos, Körper und Kinder werden nach Instagram­mability gewählt, geshaped und gezeugt. Alle düsen mit Vollgas durch die innere Leere ihrer perfekt polierten Hüllen. Da digitale Aufmerk­samkeit keinen realen Gegen­wert in der Welt hat und weder den Kühl­schrank füllt noch die Miete bezahlt, wird diese Blase irgend­wann platzen, und das ganz neoliberal direkt beim Einzelnen und nicht bei den Firmen. Diese werden sich an den not­wendigen oder als not­wendig ver­markteten Produkten von Selfie-Kameras über Apps bis hin zu virtuellen Produkten wie bezahlten Werbe-Ein­blend­ungen eine zumindest silberne Nase verdient haben. Psychische Störungen werden spätestens dann in den Statistiken den Herz-Kreislauf-Erkran­kungen in puncto Kosten für Gesell­schaft und Wirtschaft den Rang ablaufen.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.